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Dieser von BAYER-Direktor Carl Duisberg im Jahr 1915 verfasste Schriftsatz ist ein historisches Dokument von bislang nicht erkanntem Ausmaß. Es ist die von Duisberg selbst vorgenommene „Überarbeitung“ seines 11 Jahre zuvor (1904) veröffentlichten „Memorandums“ über die „Notwendigkeit der Vereinigung der deutschen Chemischen Industrie“ – als Voraussetzung zur Sicherung deren Weltherrschaft.

Was macht dieses bislang geheime Dokument so bedeutsam?

Das nachfolgende Dokument von BAYER-Direktor Duisberg ist ein offizielles ‚Kriegsziel-Dokument‘ der deutschen chemisch-pharmazeutischen Industrie. Es wurde offensichtlich verfasst, um die deutsche Wehrmachtsführung zu ermutigen weiterzukämpfen bis zum Erreichen des entscheidenden Kriegsziels: Der Welteroberung durch die chemisch-pharmazeutische Industrie.

Die Vereinigung der deutschen Farbenfabriken

VON C. DUISBERG, AUGUST 1915

(Diese Denkschrift hat im Januar 1904 als Grundlage der damals gepflogenen Verhandlungen gedient und ist jetzt den heutigen Zeitverhältnissen angepaßt worden.)

Einleitung1

Der Zusammenschluß großer industrieller Unternehmungen zu Syndikaten oder Kartellen (Kohlen-Syndikat, Kartell der Roheisen-, Gußeisen-, Walzwerkeisen-Produzenten, internationales Bleifarbenkartell), die Fusion großer elektrischer Werke (das Zusammengehen von „Siemens & Halske" mit „Schuckert", der „Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft" mit der „Union", „Lahmeyer" mit „Feiten & Guilleaume"), die Gründung großer Assoziationen von Färbern und Druckern in England und Amerika (Bradford Dyers Association, British Cotton & Wool Dyers Association, Calico Printers Association, American Woolen Co.), wie vor allem die sich durch fast alle Industriezweige Amerikas hindurchziehende Trustbewegung — schon sind mehr als 70% des gesamten in der amerikanischen Industrie investierten Kapitals zu Trusts vereinigt — alle diese Erscheinungen regen zur Untersuchung der Frage an, ob die Verhältnisse in der chemischen Industrie Deutschlands und speziell in der Farbenindustrie nicht auch derartige sind, daß eine Vereinigung der verschiedenen Farbenfabriken zweckmäßig ist. Aufgabe der vorliegenden Denkschrift soll es sein, die gegenwärtige Lage dieser wichtigen Industrie zu schildern, Vorteile und Nachteile eines solchen Zusammenschlusses festzustellen, sowie Mittel und Wege zu zeigen, wie sich eine Vereinigung durchführen und organisieren läßt.

Zweck der Industrieverbände

Der Zweck einer jeden Kapitals- und Betriebs-Vereinigung, der Zusammenschluß mehrerer industrieller Unternehmungen zu einer großen Körperschaft unter gemeinsamer Leitung sollte immer die weitgehendste Verminderung der Kosten für Produktion, Verwaltung und Verkauf unter Beseitigung eines ruinösen Konkurrenzkampfes behufs Erzielung eines möglichst hohen Gewinnes sein, um damit nicht nur bei möglichst guter Bezahlung der Beamten und Arbeiter und entsprechender Fürsorge für sie und ihre Angehörigen eine günstige Verzinsung der angelegten Kapitalien zu erzielen, sondern vor allem durch die nur in einem großen Organismus mögliche Durchführung der weitgehendsten Arbeitsteilung, unter Wahrung der für jede Verbilligung von industriellen Leistungen notwendigen Zentralisation, eine im Interesse der heimischen Verhältnisse liegende Beherrschung des Weltmarktes auf dem betreffenden Gebiet herbeizuführen.

Zeitpunkt des Zusammenschlusses

Es ist naheliegend, daß ein Zusammenschluß vieler großer und kleiner Industrie-Gesellschaften zu einer einzigen Betriebsvereinigung sich meist dann am leichtesten vollzieht, wenn die Geschäftslage in den in Betracht kommenden Industriezweigen ungünstig und der Nutzen auf ein Minimum gesunken ist. Ob es aber richtig und zweckmäßig ist, die Gründung derartiger großer Organisationen unter dem Zwang der Not vorzunehmen, wird bezweifelt. Unausbleiblich muß in diesem Falle die Folge der Vereinigung eine Erhöhung der Verkaufspreise sein. Aber gerade dieser Umstand hat solchen Körperschaften stets den Zorn des Publikums und der gesetzgebenden Machthaber zugezogen, so segensreich sich auch vielfach die Syndikate (Kohlen-Syndikat) und Kartelle (Stahlwerksverband) erwiesen haben. In der Notlage werden viel leichter Mittel und Wege zu einer solchen Verständigung gefunden und persönliche Interessen geopfert. Es sind dann auch die gemeinsamen zum Endziel führenden Wege viel klarer und deutlicher sichtbar, als wenn die Zeitverhältnisse günstig sind und das Opfer der persönlichen Freiheit des Einzelunternehmens, wie es nun einmal die Vereinigung zu einem Industrieverband verlangt, nicht im Verhältnis zu den Vorteilen zu stehen scheint, die die Vereinigung mit sich bringt. Es sollten aber Industriezweige, die ihrer Natur und Art nach die Vorteile des Zusammenschlusses sich besonders zu eigen machen können, nicht in schlechten, sondern in guten Tagen zu großen Verbänden zusammentreten. Dann können sie sich ohne Erhöhung der Verkaufspreise für ihre Erzeugnisse, ja, wenn möglich, sogar unter Herabsetzung derselben die bisher erzielten guten Erträgnisse für viele Jahre im Voraus sichern.

Umfang der Farben- und pharmazeutischen Industrie

Lassen nun die Verhältnisse in der deutschen Farbenindustrie schon heute eine Vereinigung als dauernd vorteilhaft erscheinen? Nach den bisher gemachten Erfahrungen muß diese Frage unbedingt mit „Ja" beantwortet werden. Keine Industrie der Welt ist so umfassend in technischer und kaufmännischer Hinsicht, vereinigt wissenschaftliche, technische und kaufmännische Kräfte in einem solchen Maße, wie die deutsche Farbenindustrie. Sie hat wissenschaftlich gut ausgebildete Chemiker, Ingenieure, Mediziner und Apotheker nötig. Diese sind in möglichst zweckmäßig eingerichteten Laboratorien und Werkstätten bemüht, neue chemische Verbindungen mit neuen koloristischen, pharmakologischen oder technischen Eigenschaften ausfindig zu machen, neue Verfahren zur Darstellung bekannter Körper zu finden, neue Maschinen und Apparate zu konstruieren, um Fortschritt an Fortschritt zu reihen. Die Fabrikation, beginnend mit den anorganischen Rohstoffen und endigend mit Farbstoffen, Heilmitteln, Riechstoffen, Nährmitteln und zahllosen technischen Artikeln, greift in fast alle Gebiete industrieller Tätigkeit ein. Zum Transport der in großen Massen zur Verarbeitung gelangenden Naturprodukte und der dabei verwendeten schweren Apparate bedarf es der mannigfaltigen Beförderungsmittel. In eigenen großen Werkstätten werden mit zahllosen Werkzeugmaschinen Apparate verschiedenster Art hergestellt und zurecht gemacht. Hier findet der Dampf zum Treiben der Maschinen und zum Kochen von Flüssigkeiten, die komprimierte Luft zum Heben von Lösungen und Bewegen von Werkzeugen, der elektrische Strom für motorische, thermische, elektrochemische und Beleuchtungs-Zwecke, die Hydraulik in allen Formen Anwendung. Maschinen zur Erzeugung von Kälte und Öfen für hohe Wärmegrade werden benutzt. Die fertigen Produkte wiederum bedürfen der raffiniertesten Art der Trocknung, Mahlung, Formgebung und Packung. Kurz, die chemische Industrie macht sich alle Gebiete der Chemie, Physik und Mechanik, also der gesamten Technik, zu eigen.

Kaufmännisch wiederum gibt es wohl kaum ein Gebiet, auf dem sowohl beim Einkauf der Roh- und Zwischenprodukte und der zahllosen technischen Artikel, wie vor allem auch beim Verkauf der nach Tausenden zählenden verschiedenartigen Erzeugnisse, eine solche umfassende Warenkenntnis erforderlich ist wie in der Farbenindustrie. Zur Zeit kann der Verkauf ohne Verwendung technisch gebildeter Kräfte, wie Koloristen, Mediziner und Apotheker nicht mehr durchgeführt werden.

Es ist begreiflich, daß ein Unternehmen, welches auf eine solche breite Grundlage gestellt ist und sich so zahlreicher, verschiedenartiger Kräfte zu seiner Förderung und Weiterentwicklung bedienen muß, bei den großen Unkosten, die zur Bezahlung der wertvollen Arbeitskräfte und zur Unterhaltung der kostspieligen Werkstätten und Laboratorien erforderlich sind, sich nur dann fruchtbar entfalten und im Wettbewerb behaupten kann, wenn es an sich schon eine bestimmte Größe besitzt. Es ist aber auch einleuchtend, daß durch geeignete Vergrößerung die Leistungsfähigkeit des Unternehmens noch gesteigert wird, durch Erhöhung der Produktion die Spesen vermindert und Ersparnisse aller Art erzielt werden.

Die bestehenden Gesellschaften

Die in Deutschland und in der Schweiz auf dem Gebiete der Farben- und pharmazeutischen Industrie bestehenden Firmen sind in den als Anlage beigefügten Tabellen zusammengestellt, unter Angabe des Betriebskapitals (bestehend aus dem Aktienkapital, den Obligationen und den in der Bilanz sichtbar gemachten Reserven, einschließlich derjenigen für Wohlfahrtszwecke), des Buchwerts der Grundstücke, Gebäude und Maschinen, des Werts der Warenvorräte und der in den letzten fünf Jahren gezahlten Dividenden. Auch ist anhand der neuesten Auflage von Salings Börsenpapieren der Kursstand der Aktien an der Berliner bzw. Frankfurter Börse am 31. Dezember der letzten fünf Jahre hinzugefügt worden.

Lage der Farbenindustrie

Wie aus diesen Tabellen ersichtlich ist, kann von einer Notlage der deutschen Farbenindustrie bis jetzt nicht die Rede sein. Die Durchschnittsdividende der letzten fünf Jahre beträgt auf das nominelle Aktienkapital berechnet 21,7 %, auf das gesamte aus der Bilanz ersichtliche Betriebskapital berechnet dagegen nur 10,4%. Berücksichtigt man aber, daß die Mehrzahl der obengenannten Gesellschaften nicht nur offen durch Agiogewinn, Reservefonds und reichliche Abschreibungen, sondern auch geheim durch Inventurreserven, Reserven für Delkredere, niedrige Bewertung der Warenvorräte und der Beteiligungen usw. ihr arbeitendes Betriebskapital im Laufe der Jahre erheblich vermehrt hat, so dürfte die Verzinsung ungefähr um 6 % herum, also nicht höher sein als dies in der Industrie Deutschlands im Durchschnitt der Fall ist. Dazu kommt, daß die Träger des hohen Verdienstes bei fast allen Fabriken eine kleinere Zahl von meist patentierten oder sonstwie geschützten Produkten sind, während das Kapital, das in der Fabrikation von Säuren und Alkalien, der alten Farbstoffe „Fuchsin", „Methylviolett", „Neugrün", der älteren Azofarbstoffe „Ponceau" und „Croceine" und der ersten substantiven Farbstoffe „Benzopurpurine", „Congo", „Chrysophenin", „Benzoazurine" usw. investiert ist, kaum nennenswerte Verzinsung abwirft. Jahrelang waren „Alizarinrot", „Alizarinblau" und „Anthracenbraun" für die erzeugenden Fabriken nach vielen Hunderttausenden jährlich zählende Verlustprodukte. Erst in den letzten 15 Jahren sind diese Artikel durch die Konvention unter den wenigen produzierenden Firmen einigermaßen lohnend geworden. Diese Konvention ist während des Krieges abgelaufen und dürfte auch wohl, weil eine Verständigung der deutschen Firmen mit der British Alizarine Co. nicht möglich ist, sobald nicht wieder zustande kommen.

Zu welchen Preiskonzessionen ein energischer Kampf auf dem chemischen Gebiete führt, zeigt die Marktlage des „Paranitranilins", bei dem die Verkaufspreise sehr oft unter dem Einstandspreise liegen. Ähnlich, wenn auch nicht so kraß, sind die Verhältnisse auf dem Gebiete der sauerfärbenden schwarzen Wollfarben. Früher, als es noch keine Konvention für die Substantiven schwarzen Baumwoll- und die Schwefel-Farbstoffe gab, lagen die Verhältnisse für diese großen Farbstoffgruppen ebenso ungünstig und können es nach dem Kriege leicht wieder werden. Bei vielen Artikeln der Farbenindustrie läßt sich aber nach Lage der Verhältnisse eine Konvention im Sinne der für manche Farbstoffgruppen bestehenden Preiskonventionen niemals erfolgreich durchführen. Soll auf solchen Gebieten Wandel geschaffen werden, so bleibt kein anderer Weg übrig, als die Vereinigung der Fabriken zu einer großen Betriebs- oder Interessengemeinschaft. Die Zeiten, in denen an den durch Patente geschützten Farbstoffen große Verdienste erzielt wurden, sind vorbei. Die meisten Patente dieser Art sind bereits abgelaufen oder laufen bald ab. Jeder Firma steht heute schon das freie Verfügungsrecht über eine solch große Zahl guter, brauchbarer Farbstoffe zu, die sich untereinander ersetzen lassen und mit denen jede Firma gegen die Produkte der anderen konkurrieren kann, daß hohe Verdienste pro Kilo, wie sie früher möglich waren, zu den Seltenheiten gehören.

Unkosten der Farbenfabriken

Die Unkosten aber, vor allem die Generalspesen, die von den einzelnen Gesellschaften aufgewandt werden müssen, um konkurrenzfähig zu bleiben, sind nicht kleiner geworden, sondern von Jahr zu Jahr gestiegen. Es braucht hier nicht auf die großen Ausgaben hingewiesen zu werden, welche für die wissenschaftlichen Laboratorien mit ihren zahlreichen erstklassigen Chemikern und für die Betriebsversuche mit den massenhaft angebotenen neuen Apparaten erforderlich sind. Gemeint sind vor allem die großen und nach vielen Millionen jährlich zählenden Aufwendungen, die notwendig sind, um in den von Jahr zu Jahr sich vergrößernden Färbereien und Zeugdruckereien den Wünschen der Kundschaft nach Durchprobierung der verschiedenen Farbstoffe auf allen möglichen Fasern und mit den in der Färberei- und Druckerei-Industrie zur Anwendung kommenden Apparaten zu entsprechen. Ebenfalls nach Millionen zählen die Ausgaben für die Bemusterung der Farbstoffe auf den verschiedenartigsten Anwendungsgebieten in Form von Mustern, Musterkarten, Broschüren und Büchern. Dazu kommen die immerhin nicht unerheblichen Beträge für die Ausbildung der angehenden Färber, der Söhne der Kunden usw. in den Volontärfärbereien und -druckereien, wie sie bei jeder Fabrik vorhanden sind. Auch die Auswüchse in unserer Industrie seien hier erwähnt, die bestehen in der Erteilung von Lohn und Geschenken an solche Färbereivolontäre, in der Gewährung von großen kostenfreien Mengen von Farbstoffen für Versuchszwecke und in der Zahlung von Schadensersatz auch in solchen Fällen, in denen den Farbenfabrikanten ein Verschulden nicht trifft, der Kunde aber zur Konkurrenz überzugehen droht, wenn dies nicht geschieht. Bekanntlich verfügt jede Firma der Farbenindustrie über einen großen Stab akademisch gebildeter Chemiker, Koloristen und praktisch angeleiteter Färbereitechniker, sogenannter technischer Reisenden, die die Farbstoffe, zumal neue Produkte, auf den verschiedenartigsten Fasern in allen Ländern — Japan und Indien nicht ausgeschlossen — bei der Kundschaft vorfärben. Sehr oft geht die Konkurrenz der Fabriken soweit, daß die Koloristen sämtlicher Firmen in einer Färberei nacheinander ihre Versuche machen, um notfalls unter Bezahlung der auszufärbenden Faserstoffe und unter Verwendung kostenfrei gelieferter Farbstoffe bestimmte Nuancen so billig und so echt wie möglich nachzumachen. Ein Heer von kaufmännischen Reisenden und Agenten bestürmt unablässig die Kundschaft, um sich Aufträge, selbst die kleinsten Kiloaufträge zu sichern.

Große Warenlager

Die bestellten Farbstoffe müssen, so verlangt es die Kundschaft, sofort, möglichst schon einige Stunden nach der Bestellung, geliefert werden. In allen Industrieländern besitzen daher die meisten deutschen Farbenfabriken große Verkaufsfilialen oder besondere Verkaufshäuser, wo Vorräte, die für mehrere Monate, ja oft für Jahre ausreichen, zur schnellen Bedienung lagern. Von diesen Generallagern werden dann zur noch prompteren Versorgung der Kundschaft die in den einzelnen Färbereizentren befindlichen kleineren Lager, den lokalen Bedürfnissen entsprechend, versorgt. Der Weltvorrat, den die Farbenfabriken in ihren nach Tausenden zählenden Produkten von der ½-Pfund-Packung an durch die Kilopackungen hindurch bis zur Faßpackungen zu halten gezwungen sind, zählt nach vielen, vielen Millionen. So kommt es oft vor, daß beim Verkauf lange gelagerter Produkte Preise erzielt werden, die infolge der inzwischen verbesserten Ausbeuten und der gesunkenen Fabrikationsunkosten unter dem früheren, bei Herstellung der Produkte aufgewandten Selbstkostenpreis liegen.

Abgesehen von dem großen Risiko, das mit dem Halten solch gewaltiger Lager, zumal im Kriege, verbunden ist, sind die Lagerspesen schon an sich sehr bedeutend, weil sich die Lager meist an solchen Stellen befinden müssen, wo die Mietpreise für Büros usw., wie z. B. in der Downtown von New York, sehr hoch sind. Hierzu kommen nun noch die Unkosten der Verkaufsfilialen nicht nur an Büro- und Versicherungsspesen, sondern vor allem auch an Salären für die kaufmännischen und technischen Verkaufsbeamten mit dem großen Kontor- und Versandpersonal. Die auswärtigen Verkaufsorgane kaufmännischer und technischer Art, die an sich lange Jahre brauchen, ehe sie sich auf dem Spezialgebiet der Farbstoffindustrie heimisch fühlen, suchen sich, auch wenn sie nicht schon an sich durch ihre Errichtung als selbständige Gesellschaften autonom sind, mehr und mehr unabhängig vom Stammhause zu machen und steigern infolge der Aufwendungen, mit denen der eine Vertreter den anderen zu überbieten sucht, ihre Ansprüche an Salär, Umsatzprovision und Gewinnbeteiligung immer höher und höher.

Mißbräuche im Verkauf

Bei dem scharfen Wettbewerb der Firmen untereinander ist es begreiflich und natürlich, daß beim Verkauf Mißbräuche einreißen, die ohne Zusammenschluß der Firmen nur schwer ganz zu beseitigen sind. Ich meine hier die Gewährung eines langsichtigen Kredits von 9 ja 12 Monaten, wie in Polen und Rußland, und daraus folgend die Bewilligung gesteigerter Skonti bei Barzahlung, die Einführung von Bonus und Gratislieferungen, teilweise bis zu 50%, den Abschluß langjähriger, sich oft über drei und fünf Jahre hinauserstreckender Kontrakte, bei denen die Möglichkeit ausgeschlossen ist, sich im Voraus gegen schwankende Konjunkturen im Rohmaterial zu decken, und endlich jene ruinöse Baisseklausel, die jeden Abschluß für den Fabrikanten illusorisch macht, sobald die Marktpreise sinken. Kurz, diese und eine große Zahl anderer Unarten des Verkaufs lassen das Farbstoffgeschäft nach der kaufmännischen Seite hin als wenig erfreulich erscheinen. Bei einem Zusammenschluß der verschiedenen Firmen könnten die meisten dieser sehr oft ruinösen Verkaufsbestimmungen und Mißstände leicht abgestellt werden.

Patentstreitigkeiten2

Das deutsche Patentgesetz hat, wie niemand bestreiten wird, der chemischen Industrie großen Nutzen gebracht und zu der Entwicklung der großen Anilinfarbenfabriken mit in erster Linie beigetragen. Zwar fanden früher zahllose Kämpfe unter den Patentinhabern statt, aber im Laufe der Zeit trat auch hier mit dem Fortschritt in der Kenntnis und richtigen Beurteilung der rechtlichen Verhältnisse ein gewisser Waffenstillstand ein. Erst als vor Jahren das deutsche Patentamt dazu überging, die bis dahin im Einspruchsverfahren zugelassene Abhängigkeitsfrage von der Behandlung und Beurteilung auszuschließen, machten sich die Patentstreitigkeiten unter den Firmen erneut geltend. Zahllose derartige Abhängigkeitsklagen sind bei den ordentlichen Gerichten anhängig gemacht worden. Sie legen wegen der Schwierigkeit und Langsamkeit in der Rechtsprechung auf diesem Gebiet hervorragende, sonst auf dem Erfindungsgebiet tätige Kräfte in Prozessen lahm und schärfen den Gegensatz der Firmen auch auf kaufmännischem Gebiete. Eine Änderung ist hier schwerlich zu erwarten. Die Kämpfe auf patentrechtlichem Gebiete werden nicht aufhören, es sei denn, daß ein Zusammenschluß der Firmen in irgendeiner Form sie unnötig macht.

Zoll- und Patentgesetzgebung

Die Zoll- und Patentgesetzgebung in den verschiedenen Ländern zwingt die deutschen Teerfarbenfabriken, wenn sie nicht ihren Absatz verlieren wollen, auswärtige Fabriken zu errichten, in denen, meist allerdings unter Verwendung der in der deutschen Fabrik erzeugten Zwischenprodukte und halbfertigen Fabrikate, die färbenden und unter hohen Zollschutz gestellten Endprodukte hergestellt werden. Vermöge der Überlegenheit in der Zwischenproduktionsindustrie haben die deutschen Fabriken es bis jetzt fertiggebracht, die ausländische Konkurrenz klein zu halten bzw. fast ganz zu unterdrücken. Das wird leider nach dem Kriege schwieriger werden, wo alle feindlichen Länder und auch viele neutrale (Amerika) schon jetzt, wie England, darauf bedacht sind, eine eigene Farben- und Zwischenprodukts-Industrie groß zu ziehen.3

Frankreich und Rußland

Hat aber einmal eine einzige deutsche Farbenfabrik eine Fabrik im Zollausland errichtet, z. B. in Rußland oder in Frankreich (in letzterem Land nicht nur der Zollverhältnisse wegen, sondern auch zur Wahrung der Patentrechte), so sind die anderen Farbenfabriken gezwungen, nachzufolgen. Alle müssen dann ebenfalls ein mehr oder weniger großes Terrain erwerben, unter ungünstigen Bedingungen teure Bauten aufstellen, kostspielige Apparate und Maschinen montieren und mit der Fabrikation der gleichen Artikel beginnen, die von der ersten Firma hergestellt werden. So entsteht neben den in dem betreffenden Zollausland vorhandenen kleinen inländischen Fabriken ein ganzes Heer von deutschen Fabriken (in Rußland sind deren zur Zeit sieben vorhanden). Diese sind alle darauf eingerichtet, große Quantitäten herzustellen. Aber infolge der fast immer überschätzten Aufnahmefähigkeit des ausländischen Marktes können sie einen entsprechenden Absatz nicht finden und sind daher zu Fabrikationseinschränkungen gezwungen, weil ein Export aus diesen Ländern ausgeschlossen ist. Die Folge davon ist ein Fallen der Verkaufspreise auf und oft unter den Einstandspreis. Diejenige Firma aber, die diesen dornenvollen Weg der ausländischen Fabrikation nicht geht, muß nach und nach auf das Geschäft in solchen Zollländern überhaupt verzichten.

Vereinigte Staaten von Nordamerika4

Selbst in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo bisher nur wenige pharmazeutische Produkte mit Vorteil fabriziert werden konnten, haben einige Firmen die Herstellung dieser Produkte aufgenommen und zwingen damit die Konkurrenzfirmen, wenn sie auf das Geschäft, das sie in patentierten Produkten vielleicht jahrelang allein gehabt haben, nach Ablauf der Patente nicht ganz verzichten wollen, dort ebenfalls kostspielige Anlagen zu errichten. Wehe aber, wenn nach dem Krieg, was zu fürchten ist, Amerika den Zollsatz von 30% für Anilinfarbstoffe, der zur Zeit nur für wenige ausgesuchte Farbstoffe eine Fabrikation jenseits des Ozeans lohnend erscheinen läßt, erhöht, die bis jetzt zollfreien Alizarinfarbstoffe und den Indigo den Anilinfarbstoffen gleichstellt und den auf die Zwischenprodukte gelegten Zoll generell erniedrigt oder beseitigt. Schon sind Bestrebungen im Gange, außer dem Wertzoll einen spezifischen Minimalschutzzoll von 7 bis 10 Cents pro Pfund einzuführen. Dann sind bei dem großen Verbrauch von Anilin-, Alizarinfarbstoffen und Indigo in Amerika wahrscheinlich alle deutschen Fabriken ohne Ausnahme genötigt, auch dort zur eigenen Fabrikation überzugehen. Haben sich bis dahin die deutschen Farbenfabriken zusammengeschlossen, so können sie vorerst ruhig abwarten, bis störende inländische Konkurrenz entsteht. Ist aber der Bau einer Farbenfabrik nicht zu vermeiden, wie es seinerzeit bei Änderung des Patentgesetzes in England der Fall war, so braucht man wenigstens nur eine Fabrik in Amerika zu errichten, wie es der Dreibund von Berlin, Leverkusen und Ludwigshafen seinerzeit in England getan hat.

England

In England, dem großen Verbrauchsland organischer Farbstoffe, wird die Lage der deutschen Farbenfabriken nach dem Krieg besonders schwierig werden. Dort ist inzwischen mit Unterstützung der englischen Regierung die neue British Dyes Limited gegründet worden. Es wird große Kraftanstrengungen nach allen Richtungen hin bedürfen, um hier wieder ins Geschäft zu kommen. Die Verkaufspreise in den Produkten, die auch von der neuen englischen Konkurrenz gemacht werden, müssen sehr niedrig gehalten werden, um zu verhindern, daß die Engländer Freude und Gefallen an ihrer neubegründeten Staatsindustrie haben. Wir müssen uns hier zu einem gewaltigen Kampf rüsten. Der ist wieder viel einfacher und leichter zu führen, wenn die deutschen Firmen miteinander, statt gegeneinander arbeiten, zumal wenn England noch dazu übergeht, was nicht unmöglich ist, Schutzzölle für Farbstoffe einzuführen.

Auslandsfabriken schwächen deutsche Zentralen5

Je mehr aber das Ausland dazu übergeht, sich durch hohe Zollsätze gegen den Import fremdländischer Farbstoffe abzuschließen, je mehr Fabriken im Ausland entstehen, um so schlimmer wird es in unseren deutschen Hauptfabriken werden, die dann infolge des Ausfalls des ausländischen Bedarfs nicht mehr genügend beschäftigt sind. Nimmt man dazu den Ablauf der guten Patente, die voraussichtlich durch neue, ebenso hohe Gewinn bringende patentierte Verfahren nicht ersetzt werden können, rechnet man mit dem in den letzten Jahren bei uns in Deutschland eingetretenen schlechteren Geschäftsgang in der Textilindustrie, der stets ein Fallen der Farbstoffpreise zur Folge hat, weil jede Firma anfänglich meint, der geringe Absatz und die dadurch verursachte Erhöhung der Fabrikationsspesen seien zu beseitigen durch Herabsetzung der Verkaufspreise, so ist das Bild, das sich für die deutsche Farbenindustrie im Kampf ums Dasein am Horizont der Zukunft zeigt, kein sehr erfreuliches. Man vergesse auch nicht, daß die Farbenindustrie bereits vor vielen Jahren im scharfen Wettbewerb eine recht schwere Krisis durchgemacht hat und daß eine Wiederholung solcher Verhältnisse nicht ausgeschlossen ist. Zwar haben seit jener Zeit, alle Firmen ihre Basis verbreitert, ihre Reserven vergrößert, ihre Einrichtungen verbessert, ihre Organisation vervollkommnet und Vorsorge für die Zukunft getroffen, aber die chemische Industrie wie jede andere ruht auf tönernen Füßen und ist von einer ganzen Reihe von politischen und volkswirtschaftlichen Verhältnissen abhängig.

Lage der pharmazeutischen Industrie6

Auf dem Gebiet der pharmazeutischen Industrie, die ja bei vielen Fabriken innig mit der Farbenfabrikation verbunden ist, sind die Verhältnisse ähnlich. Hier lag vor zehn Jahren ein Notstand vor, der durch Bildung einer Interessengemeinschaft zwischen den fünf größeren Firmen, die ausschließlich Pharmazeutika herstellen, im wesentlichen behoben ist. Auch sind inzwischen Konventionen bei solchen Produkten abgeschlossen worden, die, wie Sulfonal und Trional, Phenacetin, Salol, Guajakol und Creosotcarbonat, nur in kleinen Mengen gebraucht werden und trotz der Unannehmlichkeiten der Fabrikation, wie bei Sulfonal und Trional, infolge des dabei nötigen Rohmaterials, des Merkaptans, immer wieder neue Fabrikanten anlockten. Wegen der einfachen Darstellung einiger dieser Produkte werden die Konventionen wohl nicht von längerem Bestand sein, obgleich man die Verkaufspreise recht niedrig bemessen hat. Nur für die Spezialitäten, die dem Patent- oder Namensschutz unterliegen, aber auch nur für diese, werden noch gute Preise erzielt. Hierbei darf jedoch nicht übersehen werden, daß in manchen Patentländern, so in England und Amerika, wiederholt Bewegungen gegen den Patentschutz der pharmazeutischen Produkte inszeniert worden sind. Wer weiß, ob nicht auch hier einmal die gesetzgebenden Organe nachgeben und sich den Anschauungen anschließen, die in den romanischen Ländern bereits herrschen, nämlich den pharmazeutischen Produkten selbst und den Verfahren zu ihrer Herstellung jeglichen Patentschutz zu versagen. Dasselbe gilt auf dem Markenschutzgebiet. Auch hier sind weite Kreise bestrebt, die Eintragungsfähigkeit von Wörtern zur Bezeichnung pharmazeutischer Produkte zu beseitigen. Die Militärbehörden sowie die Aufsichtsbehörden für die deutschen Krankenhäuser und Lazarette und vor allem die Orts- und Betriebskrankenkassen schreiben schon heute in den Fällen, in denen neben dem durch Namen geschützten Produkt gleichartige unter der chemischen Bezeichnung im Handel sind, offiziell den Ärzten vor, nur die letzteren, weil billiger, zu verordnen.

Einfluß des Kriegs7

Welchen gewaltigen Einfluß der uns aufgezwungene Weltkrieg auf unsere Industrie mit den großen Guthaben und Außenständen im feindlichen Ausland, den dort vorhandenen, mehrfach unter Sequester oder militärische Aufsicht gestellten Fabriken mit großen Vermögenswerten haben wird, mögen wir erst nach Beendigung des Krieges zu ermessen. Auf jeden Fall werden wir dabei mit großen Verlusten zu rechnen haben. Aber auch im Inlande ist die Lage unserer Fabrikation und unseres Verkaufs durch die Beschränkung bzw. Unterbindung des Verbrauchs von Salpeter, von Salpetersäure und Schwefelsäure und durch das Ausfuhrverbot bzw. die beschränkte Ausfuhr selbst nach dem neutralen Ausland, eine sehr unangenehme. Sie trifft eine Fabrik mehr wie die andere, da nicht alle in der Lage sind, sich durch Anfertigung von Kriegsartikeln, wie Sprengstoffe, Munition usw. den Kriegsverhältnissen anzupassen und die stilliegenden Apparate für die Herstellung von Zwischenprodukten anderen Zwecken nutzbar zu machen. Wären die Fabriken zu einer großen Vereinigung zusammengeschlossen, so würden sich die Nachteile, die sich aus dieser Situation ergeben, auf alle gleichmäßig verteilen, was jetzt nur bei den Firmen der Interessengemeinschaft, aber auch hier ihrer Kleinheit wegen im beschränkten Umfang der Fall ist.

Ausblick in die Zukunft

Gewiß, alle diese Schwierigkeiten sind zu überwinden, und im Kampf der Produzenten gegen die Konsumenten, im Wettbewerb der Fabriken untereinander, im generellen Kampf des Menschen ums Dasein überhaupt sind immer noch Mittel und Wege gefunden worden, um über Mißstände und schlechte Zeiten hinwegzukommen. Keine Industrie hat ja auch noch soviele unbearbeitete Felder zur Verfügung, auf denen Gold in Hülle und Fülle zu finden ist, wie die Farben- und die pharmazeutische Industrie. Für Dezennien hinaus ist hier dem Erfinder zur Herstellung neuer Produkte der Erfolg sicher. Der Fabrikant vermag — durch Veränderung der Fabrikationsverfahren oder Ersetzung der bestehenden durch neue oder billigere Verfahren — einen Erfolg an den anderen zu reihen. Dem Kaufmann steht ein großartiges Feld seiner Tätigkeit offen infolge der Vielseitigkeit der Textilindustrie, die bestrebt ist, die vielen ihr zu Gebote stehenden Faserstoffe immer mehr zu veredeln. Die Moden mit ihren stets wechselnden Farbenvariationen zwingen die Bewohner der ganzen Welt immer mehr und mehr unter ihre Herrschaft. Der natürliche Indigo wird nur noch in kleinen Mengen verwandt und die Stunde seiner Vernichtung hat bereits ebenso sicher geschlagen, wie dies beim Krapp infolge des Kampfes mit dem künstlichen Alizarin in den 70er Jahren der Fall war. Noch werden verhältnismäßig große Quantitäten Blauholz verbraucht, die sich nach und nach mit Sicherheit durch die sauren und substantiven schwarzen Azo- und Schwefelfarbstoffe werden ersetzen lassen. Kurz, beim Blick in die Zukunft wird das Dunkel erhellt durch den Sonnenstrahl der Hoffnung auf einen Fortschritt, wie er auf dem Gebiete keiner Industrie so sehr möglich ist, wie auf dem der chemischen Industrie.

Dennoch ist es unsere Pflicht, die wir für das Wohl und Wehe der Farbenindustrie verantwortlich sind und dafür zu sorgen haben, daß die bei jeder fortschrittlichen Bewegung nie ausbleibenden Übelstände und Mißstände beseitigt werden, eingehend zu erwägen, ob sich nicht schon jetzt bessere und angenehmere Beziehungen zwischen den einzelnen Konkurrenten knüpfen, ob sich die Kämpfe, die nun mal die Folge einer jeden Konkurrenz sind, nicht mildern lassen, ohne dabei auf die Vorteile dieses wichtigen wirtschaftlichen Anregungsmittels zu verzichten. Diesem Ziel bringt uns die Vereinigung der Firmen in der chemischen Industrie am nächsten.

Es sei daher, nachdem wir die gegenwärtige Lage der Farben- und pharmazeutischen Industrie nach allen Richtungen hin geschildert haben, unsere zweite Aufgabe, die Vorteile und Nachteile gegeneinander abzuwägen, die eintreten würden, wenn sich die sämtlichen Farbenfabriken zu einer großen Gemeinschaft zusammenschließen.

Nachteile der Vereinigung

Die chemische Industrie greift, wie wir oben gesehen haben, fast in alle Gebiete industrieller Tätigkeit hinüber und bietet ein treffliches Beispiel der Symbiose von Wissenschaft und Technik. Nicht ohne weiteres ist die Farbenindustrie zu ihrer umfassenden Entwicklung gekommen. Erst durch die Konkurrenz, durch den Zwang und durch die Notwendigkeit, sich alle ihr dienlichen Mittel und Wege nutzbar zu machen, um im Kampf der einen Firma gegen die andere Erfolge zu erzielen, ist jene bewundernswerte Vielgestaltigkeit ihrer Tätigkeit ausgebildet worden. Mit der Beseitigung der Konkurrenz, mit der Hemmung der natürlichen Entwicklung, mit der Lahmlegung dieser beiden wirksamen und den Fortschritt fördernden Kräfte hört aber auch die Erstarkung der groß und mächtig gewordenen Industrie auf, wenn es nicht gelingt, durch geeignete Organisation die Konkurrenz zwar nach außen zu beseitigen, sie aber im Innern durch Erhaltung der Individualität der einzelnen Unternehmungen und ihrer Einrichtungen nicht nur bestehen zu lassen, sondern sogar noch weiter auszubilden. Jene großen wissenschaftlichen Laboratorien, jene mit guten juristisch geschulten und chemisch vorgebildeten Kräften besetzten Patent- und Rechtsbüros, sie wären nicht entstanden, der Erfindungsbetrieb in der chemischen Industrie wäre erlahmt, wenn nicht in dem Wettrennen, in dem Kampf um die Priorität, wie ihn die Patentgesetzgebung in den verschiedensten Ländern verursacht, einer den anderen vorwärts getrieben hätte. Der Absatz an Farbstoffen, den man heute auf weit über 300 Millionen Mark8 schätzen muß, er wäre nicht so groß geworden, wenn der eine Konkurrent nicht den anderen veranlaßt hätte, immer wieder einen neuen Farbstoff nach dem anderen, mit den verschiedenartigsten Eigenschaften ausgestattet, zu erfinden, möglichst billig zu fabrizieren, möglichst schnell in den Handel zu bringen und durch vorzüglich organisierte Verkaufsapparate bei den verschiedensten Abnehmern einzuführen.

Wäre die Zahl der Kaufleute und Techniker, die eine Firma nach der anderen im Wettbewerbskampf anzustellen gezwungen war, nicht so groß gewesen, der Verbrauch an den aus dem Ausland eingehenden Naturfarbstoffen, wie Blauholz, Gelbholz, Indigo und vielen anderen wäre noch erheblich größer als er heute ist. Wäre der Konkurrenzkampf nicht gewesen, der deutschen Teerfarbenindustrie wäre es sicherlich nicht gelungen, die Alleinherrschaft9 auf dem Weltmarkt zu erlangen und diese Industrie den Franzosen und Engländern zu entreißen, so daß die in diesen Ländern bestehenden außerdeutschen Fabriken zu keiner großen Bedeutung gelangt sind. Mit der Aufhebung der Konkurrenz tritt leicht eine Stagnation des Fortschritts, ein Ausruhen und sich Gehenlassen ein. Schlimmer noch als das, mit der Vereinigung der industriellen Macht in einer Hand liegt die Versuchung zum Mißbrauch dieser Macht allzu nahe. Wir sehen von der Gefahr ab, daß die an der Spitze stehenden Männer dem Größenwahn verfallen. Aber es kann nicht ausbleiben, daß eine solch mächtige Kapitalgesellschaft einen kleinen Staat im Staate bildet, den die Gesetzgeber hassen, weil er sich nicht leicht unterordnen läßt, und den das Publikum fürchtet, weil die Preise leicht gesteigert werden können. Mit der Vergrößerung des Nutzens wird ferner der Neid und die Mißgunst aller an dem Unternehmen nicht beteiligten Menschen hervorgerufen und die Begehrlichkeit der angestellten Beamten und Arbeiter gesteigert. Solche großen Fabrikationsgebilde sind auch vielfach dazu übergegangen, allerdings lediglich aus dem Prinzip der Stetigkeit und Dauerhaftigkeit der inländischen Fabrikation und damit im Interesse der darin tätigen Arbeiter, die Preise für ihre Produkte im Ausland zeitweise niedriger als im Inland zu halten, um die Fabrikation nicht einschränken zu müssen. Gesetze aller Art sind daher, z. B. in Amerika, erlassen worden, um durch Erhöhung der Steuern, durch Antitrustbestimmungen, durch spezielle Kontrollmaßnahmen die Bildung derartiger Großassoziationen zu verhindern bzw. zu beschränken. Weitere Maßnahmen zur Vermeidung des Verkaufs zu billigeren Preisen, als im Erzeugungsland üblich (Antidumpinggesetz) sind von Amerika und England in Aussicht genommen.

Das Allerschlimmste aber ist die Gefahr des Großziehens neuer Konkurrenten, wenn sie auch oft nur zum Schein auftreten, um sich durch Auszahlung von Abfindungssummen aufkaufen zu lassen. Neue Konkurrenzunternehmungen werden besonders dann herangezüchtet, wenn mit der Gründung der Großassoziation eine Erhöhung der bis dahin gedrückten Verkaufspreise Hand in Hand geht. Damit wird das Übel, das man durch den Zusammenschluß beseitigen will, dann noch größer. Erfolgt endlich, wie dies in Amerika fast bei jeder Trustbildung geschehen ist, der Zusammenschluß in der Weise, daß die Inhaber der verschiedenen Fabriken die in ihren Unternehmen angelegten Kapitalwerte in weitgehendem Maße überschätzen, sich außerdem für den sogenannten „Good will" enorme Beträge bezahlen lassen, wird die Vereinigung nicht auf einmal durchgeführt, sondern bleiben eine Reihe außerhalb stehender größerer Fabriken noch eine zeitlang erhalten, die dann erst nach und nach durch Aufwendung ganz exorbitant hoher Summen aufgekauft werden können, so tritt eine so gewaltige Kapitalsübergründung des neuen Unternehmens ein, daß anstelle der zwar beseitigten Konkurrenz eine Überlastung durch Zinsen, Tantiemen und sonstige Aufwendungen stattfindet, wie dies zum Beispiel beim amerikanischen Steel and Iron Trust der Fall ist. Der Ruin und damit ein gewaltiger Verlust am Nationalvermögen ist dann die notwendige Folge.

Hier gilt, was sich in der Natur immer wieder und wieder zeigt: Die Bäume wachsen nie in den Himmel; je größer ein Organismus wird, umso mehr neigt er zum Zerfall und Untergang, es sei denn, daß es ihm gelingt, sich so einzurichten und unter zentraler Leitung eine solche Dezentralisation durchzuführen, wie es wir bei den hoch organisierten Lebewesen mit ihren verschiedenartigen Organen sehen.

Vorteile einer Fusion in kapitalistischer Beziehung

Die Frage ist also: Welche Vorteile stehen diesen Übelständen gegenüber und lassen sich die Gefahren solcher Großassoziationen überhaupt beseitigen? Wie aus den Tabellen ersichtlich, ist bei den einzelnen Gesellschaften die auf das Nominalkapital berechnete Dividende sehr groß. Die Höhe dieser Dividenden hat nach vielen Richtungen hin zur Überschätzung der deutschen Farbenindustrie geführt und frühzeitig schon die ausländischen Regierungen veranlaßt, sich durch hohe Zollsätze gegen den Import von Farbstoffen aus Deutschland abzuschließen, um damit die Industrie, die solchen großen Nutzen abwirft, ins eigene Land hinüberzuziehen. Nach Beendigung des großen Weltkriegs, in dem die deutsche Farbenindustrie als Versorgerin der Textilindustrie und Mithelferin bei der Herstellung von Sprengstoffen und Munition eine solch große Rolle spielt, wird dies sicherlich noch schlimmer werden.10 Berechnet man jedoch die gezahlten Dividenden von dem um die offenen Reserven erhöhten Betriebskapital, so erscheint das Resultat schon weniger glänzend. Das Bild ändert sich aber vollständig, wenn man auch noch die meist sehr großen Geheimreserven und sonstigen, in anormalen Abschreibungen liegenden werbenden Kapitalbeträge berücksichtigt. Dann ist die Dividende nicht höher als allgemein üblich, nämlich etwa 6%. Bei einer Neu- oder Umgründung, die allerdings eine vollständige Fusion zur Voraussetzung hat, kann eine neue Kapitalbewertung unter Berücksichtigung dieser Reserven eintreten und der meist außerordentlich hohe Kurs, zu dem die Aktien der Gesellschaften der Farbenindustrie an der Börse gehandelt werden, auf den Normalkurs zurückgeführt werden, so daß die Dividende dementsprechend sich dann auch in der allgemein üblichen Höhe bewegt. Diese sogenannte Wässerung des Kapitals, die selbstverständlich keine Verwässerung sein darf und die ohne Vereinigung und Verständigung der verschiedenen Firmen untereinander von einer einzelnen Firma kaum oder schwer durchführbar ist, hat manches Gute für sich. Der schielende Neid des In- und Auslandes, die Überschätzung dieser Industrie im Inlande und die damit verbundene Gefahr der Belastung mit allen möglichen gesetzlichen Abgaben kommen in Fortfall. Die Gesetzgeber und gesetzgebenden Körperschaften nehmen bei Handelsverträgen, bei Steuergesetzen, bei sozialpolitischen Maßnahmen auf normale Verdienste zeitigende Industrien mehr Rücksicht als auf solche mit hohen Dividenden. Die Börse gibt einem solchen kapitalkräftigen großen Unternehmen den Vorzug vor dem schwächeren kleinen. Die Aktien einer solchen großen Vereinigung mit einem Kurse, der sich nicht sehr viel über pari erhebt, sind leichter käuflich und verkäuflich als jene schweren Papiere mit hohem Börsenkurs. Und nicht zu vergessen die Vorteile für denjenigen Aktionär, der die Aktien nicht als spekulatives Börsenpapier, sondern als Kapitalanlage betrachtet, der vielleicht Inhaber, Gründer oder Nachkomme der früheren Inhaber und Gründer ist und seit Bestehen der Aktiengesellschaft im Besitz jener Aktien gewesen ist. Gibt es für ihn eine bessere Versicherung als den Zusammenschluß der vielen kleinen zu einem großen Unternehmen? Die Dividende wird konstanter, die durch Konjunktur und Zeitverhältnisse veranlaßte Gefahr geringer sein. Die Aktien eines solchen, auf solide Grundlage gesetzten großen Unternehmens werden sich in ihrem Wert den besten Staatspapieren an die Seite stellen.

In der Umbildung mehrerer Gesellschaften mit kleinem Nominalkapital zu einem Großunternehmen mit einem verstärkten Aktienkapital liegt auch ein hoher sozialer Vorteil.

Vorteile in sozialer Beziehung11

In einer großen Organisation ist es dem tüchtigen Beamten und Arbeiter viel leichter als in einer kleinen möglich, seiner Tüchtigkeit und Überlegenheit Geltung zu verschaffen und sich emporzuarbeiten, ohne daß Überforderungen an Salär und Lohn eintreten und die Begehrlichkeit gesteigert wird. Auch nach außen hin genießt ein solches Unternehmen mehr Achtung und Ansehen, zumal dann, wenn, wie es notwendig und richtig ist, die Vorteile, die durch die Fusion entstehen, in erster Linie zur Förderung der Allgemeinheit durch Wohlfahrtseinrichtungen aller Art nutzbar gemacht werden, so daß das Unternehmen als vor bildlich und mustergültig für alle anderen Betriebe gelten darf.

Vorteile in technischer Beziehung

Weit wichtiger aber, und hierauf ist der größte Wert zu legen, sind die Vorteile in technischer Beziehung.

Die Leitung eines großen Betriebes ist immer, wenn richtig organisiert, im Verhältnis viel einfacher und billiger als die Leitung eines kleinen Betriebs, zumal wenn eine große Zahl von tüchtigen, in dieser Industrie ausgebildeten leitenden Kräften zur Verfügung steht. Es ist dann möglich, durch Auswahl der Begabtesten und Fähigsten und Versetzung derselben an jene Stellen, die jedem die bestmöglichste Entfaltung seiner Individualität bieten, alle Stellen mit hervorragenden Kräften zu besetzen.

Zentralisation der Betriebe

Während jetzt fast jede Firma dieselben Produkte in verschieden großen Mengen herstellt, wird es bei einer Zentralisation selbstverständlich die erste Aufgabe der Leitung sein müssen, nur die am besten eingerichteten und billigsten Produktionsstätten bestehen zu lassen und die anderen zu schließen, um auf diese Weise die Fabrikation zu zentralisieren und alle Produkte in großen Mengen, in großen Apparaten, in großen Partien zu erzeugen. Die Erfolge sind bei gleichmäßigerer Qualität und Ausbeute möglichst niedrige Unkosten. Kleinere, schlecht gelegene Fabriken sind ganz stillzusetzen, um die größeren und besser eingerichteten und vor allem die nach der maschinellen Seite vollkommener ausgestatteten Fabriken voll zu beschäftigen. Dies bezieht sich nicht nur auf die Endprodukte, sondern vor allem lassen sich durch Zusammenwerfen der verschiedensten Zwischenproduktionsabteilungen ganz wesentliche pekuniäre Ergebnisse zeitigen. Auch wird in vielen Fällen die Fabrikation solcher Artikel aufzunehmen sein, von denen zwar jede einzelne Fabrik bisher nur ein kleineres Quantum gebraucht hat, so daß die Fabrikation dieser kleinen Menge nicht lohnend ist, bei denen aber der Verbrauch aller Fabriken zusammengenommen wohl die Errichtung einer eigenen Fabrik rechtfertigt.

Artikel, die hier in Frage kommen, sind unter anderem Soda, Pottasche, Chlorkalk, Brom, Phosphor, Borsäure, Permanganat und Holzdestillationsprodukte, wie Essigsäure, Methylalkohol, Aceton.

Vermeidung von neuen Kapitalanlagen

Durch den Zusammenschluß wird vermieden, daß einige Firmen später die Fabrikation von solchen Farbstoffen und Zwischenprodukten aufnehmen, die heute noch anderen Firmen patentiert sind. Dasselbe gilt auch für die Gruppe der pharmazeutischen Produkte, der Photographika, Riechstoffe und Nährmittel, deren Erzeugung sicherlich von manchen Firmen neu aufgenommen würde, sei es, weil die daran erzielten Gewinne aus Unkenntnis der Verhältnisse überschätzt werden, sei es, weil diese Produkte beim Verkauf mitgeführt werden müssen, sei es endlich, weil das Bestreben aller Fabriken darauf gerichtet ist, die Basis ihrer Fabrikationen möglichst breit zu gestalten, um damit Schwankungen in der Produktion, im Verkauf und im Gewinn auszugleichen.

Austausch der Betriebserfahrungen

Welche sichtlichen und sofort berechenbaren Vorteile zutage treten, wenn einmal die Betriebsführer der verschiedenen Fabriken ihre Betriebserfahrungen bei den heute überall geheim betriebenen Fabrikationsverfahren austauschen, das haben die Mitglieder der Interessengemeinschaft des sogenannten Dreibundes (Berlin, Leverkusen, Ludwigshafen) in weitgehendstem Maße kennen gelernt.

Aufrechterhaltung des Konkurrenzprinzips in der Fabrikation

Daß die Leitung der großen Vereinigung nicht dazu schreiten darf, für alle Produkte nur eine einzige große Produktionsstätte zu schaffen, bedingt die Aufrechterhaltung des Konkurrenzprinzips, das wesentlich höher zu bewerten ist als der Vorteil, den die Massenproduktion gegenüber der Kleinproduktion mit sich bringt. Bleiben aber für jedes wichtige Produkt zwei Betriebe erhalten, die in Bezug auf Verbilligung der Verfahren, Verminderung des Verschleißes, Erniedrigung der Unkosten und Herabsetzung der Einstandspreise gegeneinander konkurrieren und durch Austausch ihrer Erfahrungen und Beobachtungen diese Konkurrenz nivellieren, so muß dadurch, zumal wenn man die Leiter an dem Reingewinn und den Betriebsergebnissen jedes einzelnen Betriebes durch Betriebstantiemen und Prämien interessiert, der Fortschritt ein sehr großer werden.

Zentralisation der Werktätigen für Neuanlagen

Während es jetzt in ingenieurtechnischer Beziehung für jede Fabrik nötig ist, in ihren Konstruktionsbüros die jeder Fabrikation anzupassenden Apparaturen zu konstruieren und in ihren Werkstätten die Apparate in solchen Metallen fertigen zu lassen, die erfahrungsgemäß am besten den in Betracht kommenden Chemikalien Widerstand leisten, könnte bei der Assoziation der verschiedenen Werke unter Beibehaltung der verschiedenen Konstruktionsbüros behufs Verwertung der Erfahrungen der Einzelbetriebe in vielen Dingen eine Zentralisation des Werkstattbetriebes und damit auch eine wesentliche Vereinfachung und bedeutende Verbilligung eintreten.

Vereinigung der Auslandsfilialfabriken

Am meisten aber machen sich die Vorteile einer solchen Vereinigung geltend, wenn an Stelle der vielen im Ausland von den deutschen Farbenfabriken errichteten Fabriken nur je eine bestehen bleibt. Durch Vergrößerung der Produktion, Verwertung der Erfahrungen der deutschen Vereinigung, unter Benutzung der billigen, von den deutschen Werken gelieferten Roh- und Zwischenprodukte kann diese sich zu einem unbesiegbaren Machtfaktor in dem betreffenden Ausland entfalten. Das wird sich besonders dann zeigen, wenn, was nach dem Kriege zu fürchten ist, die großen Konsumländer, wie England, ebenfalls Zollschranken einführen oder, wie Amerika, die bestehenden wesentlich erhöhen und damit auch in diesen Ländern die Errichtung von großen Fabriken für Farbstoffe erzwingen.

Der Nutzen, der sich in technischer Beziehung durch die Vereinigung ergibt, wird so groß sein, daß das Konkurrieren kleiner Fabriken gegen dieses große Gesellschaftsunternehmen zur Unmöglichkeit gehört.

Bekämpfung der Schweizer Konkurrenz12

In erster Linie denke ich hier an die im feindlichen Ausland schon bestehenden oder neu errichteten Fabriken, wie z. B. die British Dyes Limited. Es kommen auch die im neutralen Ausland vorhandenen oder nach dem Krieg geplanten Firmen in der Schweiz, in Amerika, Holland usw. in Frage. Manche von ihnen sind begründet worden, um die von den deutschen Fabriken erfundenen und durch deutsche Patente geschützten Farbstoffe, pharmazeutischen Produkte, Riechstoffe usw. nachzumachen, so z. B. in der Schweiz, dessen früheres Patentgesetz alles, was sich hier nicht durch Modelle darstellen ließ, also damit alle chemischen Produkte und die Verfahren zu ihrer Herstellung von der Patentierung ausschloß. Die meisten dieser Schweizer Firmen beziehen die zur Herstellung der Farbstoffe erforderlichen Zwischenprodukte von deutschen Fabriken, stellen die Endprodukte dann auf Schweizer Boden her und bringen die Patentartikel nicht nur in den zahlreichen Nichtpatentländern in den Handel wozu sie ja berechtigt sind, sondern sie verstanden es früher sehr gut, oft auf komplizierten Umwegen, sie in die Patentländer hinein zu bringen. Der durch diese Schweizer Fabriken zum Nachteil der deutschen chemischen Industrie angerichtete Schaden ist sehr bedeutend gewesen.

Vorteile in kaufmännischer Beziehung

Und nun erst die Vorteile in kaufmännischer Beziehung!

Jeder, der Waren einzukaufen und zu verkaufen hat, weiß, daß große Mengen sich viel billiger einkaufen lassen, als kleine, weil bei dem Verkauf großer Mengen, abgesehen von den billigeren Verkaufsspesen, auch die Aufrechterhaltung einer großen Produktion für jedes Werk eine große Rolle spielt. Der Verzicht auf ein solches Quantum kann sehr oft den Ruin einer Fabrik zur Folge haben.

Zentralisation des Einkaufs

Dazu kommt als Machtfaktor die Sorge, die jeder empfindet, daß bei zu hoch geschraubten Verdiensten die Fabrikation des zu verkaufenden Artikels von dem Konsumenten selbst aufgenommen wird. Das haben die Farbenfabriken selbst am besten erfahren bei der Gründung jener großen Färberei- und Druckerei-Assoziationen in England und Amerika, denen bei ihrem großen Verbrauch an Chemikalien aller Art so billige Preise eingeräumt wurden, daß im Kampf der verschiedenen Firmen untereinander diese jetzt die niedrigsten des Marktes sind. Die Bildung der British Alizarine Co., hervorgegangen aus den Alizarinkonsumenten Englands gelegentlich der in früheren Jahren bestandenen Alizarinrot-Konvention, die den Bogen allzu straff gespannt und zu hohe Verkaufspreise normiert hatte, ist auch ein Beispiel in dieser Richtung.

Verbilligung des Einkaufs und Schutz gegen Preistreibungen durch Syndikate und Kartelle

Selbst wenn die zu kaufenden Artikel unter Konvention stehen oder von Syndikaten vertrieben werden, ist die Neigung, den Großkonsumenten, zumal bedeuten den kapitalskräftigen Vereinigungen mit großem Verbrauch, besonders billige Verkaufspreise einzuräumen, sehr groß. Die zur Zeit bestehenden Syndikate für den Verkauf der spanischen Pyrite werden sicherlich aus Sorge vor der Erwerbung eigener Gruben durch die Großkonsumenten von Schwefelkiesen auch hier Maß und Ziel in ihren Preisen halten. Dasselbe wird der Fall sein bei den Salinen und Steinsalzwerken, bei den Erzeugern von Solvaysoda, bei den Produzenten von Benzol, Naphtalin und Anthracen, kurz bei allen durch Syndikate vereinigten Produzenten von solchen Artikeln, von denen die chemische Industrie große Quantitäten verbraucht.

Durch Summierung des Bedarfs an technischen Artikeln aller Art und durch den gemeinsamen Einkauf derselben seitens einer Einkaufszentrale ließen sich sicherlich in diesen heute nur eine untergeordnete Rolle spielenden Verbrauchsgegenständen wesentlich billigere Einkaufspreise herausholen. Die Einkaufszentrale wäre durch Dezentralisation und Anstellung geeigneter, in jedem Artikel Warenkenntnis besitzender Einkäufer und Beobachter des Marktes leicht und gut einzurichten.

Erwerbung von Erfindungen13

Zum Einkauf rechne ich auch die Erwerbung von Erfindungen, die zur Zeit durch den Wettbewerb, der sich hier bemerkbar gemacht hat, in ein Stadium gelangt ist, das der Reform bedarf.

Jeder chemischen Fabrik werden von außerhalb der chemischen Industrie stehenden Personen und Firmen Erfindungen aller Art angeboten, von deren Erwerb oder Nichterwerb sehr oft die Zukunft des ganzen Unternehmens abhängen kann. Die richtige Prüfung und Würdigung eines jeden derartigen Angebots, huldigend dem Grundsatz: „Prüfet alles und behaltet das Beste", erfordert an sich schon einen erheblichen Aufwand an Arbeit und Geschick. Hat man nun den Wert einer solchen Erfindung richtig erkannt und ist bereit, der Erwerbung nahe zu treten, so kommt der Erfinder, der inzwischen seine Erfindung allen anderen Firmen der chemischen Industrie angeboten hat, und spielt, wie man das ihm nicht verdenken kann, eine Firma gegen die andere aus, steigert so seine Ansprüche ins Ungemessene und zwingt zu übertrieben hoher Barzahlung und Gewinnbeteiligung. Auf diese Weise hat der Wettbewerb der verschiedenen Firmen untereinander den Prozentsatz der Beteiligung, der früher im allgemeinen nur 10% für Farbstoffe und 20 % für pharmazeutische Produkte betrug, für letztere teilweise bereits auf 50% hinaufgetrieben. Man gewährt diese Beteiligung nicht nur für die Dauer der Patente, sondern gibt auch die Hälfte dieses Gewinnanteils für weitere 15 Jahre, wenn es möglich ist, den neuen Namen des Produktes durch Eintragung ins Markenschutzregister zu schützen; abgesehen von den hohen Summen, welche die Erfinder vielfach als bare Anzahlung verlangen, und die oft ebenfalls unter dem Druck der Konkurrenz bei wertvollen Erfindungen gewährt werden. Hier wird ein gerechter Ausgleich eintreten, der dem Erfinder das gibt, was ihm für seine Erfindung gebührt, der aber auch den Fabrikanten, der sehr oft die Hauptarbeit und ein kolossales Risiko bei der technischen Ausarbeitung zu tragen hat, nicht zu kurz kommen läßt, sobald eine Verständigung der verschiedenen Firmen untereinander durchgeführt ist.

Zentralisation des Verkaufs

Was aber für den Einkauf gilt, ist in ganz überlegenem Maße der Fall bei dem Verkauf der von den vereinigten Fabriken erzeugten Produkte. Der Verkauf, der jetzt für gleichartige Artikel in den verschiedensten Händen liegt, und zwar sowohl am Sitz der deutschen Firmen wie in den ausländischen Verkaufshäusern, wird überall einheitlich geleitet und geführt werden können und ohne Zweifel im Laufe der Zeit ein ganzes Heer von kaufmännischen und technischen Verwaltungs- und Verkaufsorganen überflüssig machen. Die einzelnen Verkäufer werden sich bei dem großen Umsatz für jeden einzelnen Artikel, mehr als dies bisher der Fall ist, spezialisieren und damit ihre Verkaufskraft steigern; für jeden Industriezweig, also für die Färber von Wolle, von Baumwolle, von Papier, von Leder, von Jute usw. und ebenso für die Drucker läßt sich je ein kaufmännischer und je ein technischer Verkäufer vorsehen.

Verkleinerung der Lager

Die jetzt an der Zentrale, wie an den Filialen der einzelnen Firmen und in den verschiedenen Verbrauchszentren zu haltenden Lager für die verschiedenartigsten Produkte können zusammengelegt und dadurch wesentlich kleiner und die dafür aufzuwendenden Beträge an Verwaltungs-, Versicherungs- und sonstigen Unkosten geringer werden.

Beseitigung von Verkaufsmißbräuchen und Unarten

Die Beseitigung von Verkaufsmißbräuchen, wie wir sie einleitend schilderten und die unter den gegenwärtigen Verhältnissen kaum in allen Ländern auszurotten sind, ist ein Kinderspiel. Schon die heute bestehenden Konventionen bemühen sich ja, nach dieser Richtung hin Wandel zu schaffen und haben feste Regeln für Skonti und Rabatte unter Beseitigung der Baisseklausel und Geschenke einzuführen gesucht. Bei der auf die Individualität eines jeden Kunden Rücksicht nehmenden Verkaufstätigkeit aber, die auch unter keiner Bedingung künftig fortfallen darf, sondern noch mannigfaltiger auszubilden ist, ohne dabei zu Mißbräuchen auszuarten, führt die Generalisierung der Verkaufsvorschriften, wie sie nun einmal beim Wettbewerb mehrerer Verkaufsorgane unter Einhaltung gleicher Preise Vorbedingung ist, in diesen Konventionen zu manchen Schwierigkeiten, die bei einer Zentralisation des Verkaufs in einer Hand nicht aufkommen können. Auf diese Weise ist man auch der großen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten überhoben, die die Antitrustgesetzgebung besonders in Amerika dadurch zeitigt, daß oft bei hohen Freiheitsstrafen dort Konventionspreise nicht gehandhabt werden dürfen. Und endlich jener wüste Konkurrenzkampf, der nicht Maß und Ziel kennt, der keine Schranken am Einstandspreis findet, der selbst vor großen Verlusten nicht zurückschreckt, der seine Ursache und Entstehung nicht nur in der Überproduktion gleichartiger Artikel hat, sondern vor allem begründet ist in der Konkurrenz der verschiedenen Verkaufsorgane, die ihren Lohn in Umsatzprovisionen finden, und noch genährt wird durch unlautere Manipulationen einzelner Kunden, er ist mit einem Schlage zu beseitigen.14

Die Ersparnisse, die durch Zentralisation des Verkaufs, Zusammenfassung der Verkaufsfilialen, Verkleinerung der Lager, Beseitigung der Verkaufsmißbräuche, Vereinheitlichung der Propaganda, kurz durch Vereinigung der gesamten Verkaufseinrichtung in einer Hand, eintreten, sind so groß, daß sie allein jährlich ausreichen, eine normale Verzinsung des in Aussicht zu nehmenden Kapitals herbeizuführen. Heute sind die meisten Firmen gezwungen, etwa 15% als Verkaufsspesen zu rechnen. Für eine Reihe von Ländern reicht dieser Prozentsatz nicht einmal aus, sondern ist sogar noch einige Prozent höher. Daß sich hier, durch Vereinfachung und Verbilligung der Verkaufseinrichtung und des gesamten Verkaufsapparates einschließlich aller sonstigen Maßnahmen, mindestens 5% ersparen lassen, unterliegt für mich keinem Zweifel. Wenn man nun einen Umsatz von 350 bis 400 Millionen zu Grunde legt und annimmt, daß die neue Gesellschaft mit einem Aktienkapital in ungefähr gleicher Höhe konstituiert wird, ergibt sich jene oben erwähnte normale Verzinsung von selbst.

Beseitigung des Konkurrenzkampfes

Der Konkurrenzkampf ist ja nach vielen Richtungen hin die Triebfeder des Fortschritts, aber seine freie Entfaltung hat zu solchen wirtschaftlichen Mißständen geführt, daß der Wettbewerb in der Erzeugung der Stoffe bereits durch gesetzliche Maßnahmen die weitgehendsten Beschränkungen erfahren mußte. Die ganze sozialpolitische Gesetzgebung ist eine Beschränkung der Handlungsfreiheit auf wirtschaftlichem Gebiet. Im Verkauf läßt sich mit gesetzlichen Maßnahmen leider wenig machen, da hier die Kontrolle allzu schwierig ist und eine internationale Regelung, die aber schwer herbeizuführen, Bedingung sein muß. Schon ist in der Gesetzgebung für gewerblichen Rechtsschutz manches geschehen, aber die beste und einfachste Lösung ist die Beseitigung der Konkurrenz, immer natürlich betrachtet unter dem Gesichtswinkel, der allein die Dauerhaftigkeit solcher Einrichtungen verbürgt, der Maßhaltung nach jeder Richtung hin.

Generalkonvention für die meisten Produkte

Mit einem Schlage wird mit der Vereinigung der deutschen Farbenfabriken unter Beseitigung der vielen widerwärtigen, die besten Kräfte absorbierenden patentrechtlichen Streitigkeiten, die allerdings oft die verschiedenen Firmen zu Konventionen zusammengetrieben haben, eine Generalkonvention für die meisten Produkte der chemischen Industrie, zumal der Farbstoffe, geschaffen, die, besser als alle Konventionen für die einzelnen Artikel, unter Fortfall der Preisschleudereien und Preisdrückereien, aber ohne Erhöhung der bestehenden Verkaufspreise, ja eventuell unter Herabsetzung dieser Preise einen jeden Artikel nutzbringend gestalten kann und dabei, da sie internationalen Charakter annehmen und für die verschiedensten Länder Preise auf derselben Basis einführen wird, den Konsumenten sogar die Bürgschaft für eine gleichmäßigere Behandlung auf der ganzen Linie gewährt.

Die Vereinigung schädigt nicht die Verbraucher und das Publikum

Bedenkt man ferner noch, daß die heutigen Preise der Farbstoffe, auf die damit gefärbten Stoffe umgerechnet, nur eine ganz untergeordnete Rolle spielen und den Marktpreis der Gebrauchsartikel selten beeinflussen, weil die zur Verwendung kommende Menge außerordentlich gering ist, so wird auch das Publikum und die Textilindustrie keine Veranlassung haben, solche Vereinigungsbestrebungen zu verurteilen. Im Gegenteil, während jener fast 15 Jahre umfassenden Epoche des totalen Daniederliegens des Alizaringeschäftes mit dauernd sinkenden Verkaufspreisen nach Ablauf der alten Konvention sehnten sich die das Alizarin verbrauchenden Türkischrotfärbereien nach Stetigkeit und festen Alizarinpreisen weil bei der Unsicherheit des Marktes im Alizarin auch die Türkischrot gefärbten Garne im Preise gedrückt waren. Die Rotfärbereien wünschten geradezu die Wiederherstellung der Alizarinkonvention weil sie damit auch eine Gesundung des Rotgarnmarktes erhofften.

Konkurrenz ist nicht zu fürchten

Eine Generalkonvention braucht aber auch keine Sorge vor neu auftretender Konkurrenz zu haben: sie kann mit den in ihr ruhenden intellektuellen Kräften und bei Maßhaltung, sowohl bei Festsetzung der Verkaufspreise für die einzelnen Produkte, wie bei den zu erzielenden Generalverdiensten, segenbringend wirken für das in dieser Industrie angelegte Kapital und vor allem für die darin beschäftigten Beamten und Arbeiter. Unter Ausschluß der ausländischen Konkurrenz wird sie dauernd das Interesse der vaterländischen Industrie fördern.

Vereinigung ist gleichzeitig Arbeitgeberverband15

Zum Schluß dieses Kapitels möchte ich noch mit einigen Worten auch auf den Vorteil hinweisen, der durch die eventuelle Vereinigung der deutschen Farbenfabriken gegenüber den Organisationen der Arbeiter erzielt wird. Das Ringen dieser Organisationen nach Macht und Einfluß, die hierbei zutage tretende Absicht der Gewerkschaften, als Schleppträger der Sozialdemokratie, eine konstitutionelle Leitung der Fabriken herbeizuführen mit dem Endziel der für den Zukunftsstaat in Aussicht genommenen Beseitigung der Macht des Kapitals, hat sich in der chemischen Industrie bis jetzt nur wenig bemerkbar gemacht. Zwar haben einzelne Fabriken, wie z. B. die Elberfelder Farbenfabriken, die Badische Anilin- & Soda-Fabrik und andere, schon Total- bzw. Partialstreiks durchgemacht. Aber wie dies bei der Mannigfaltigkeit der in der chemischen Industrie angestellten Arbeitergruppen, der Tagelöhner, der Schlosser, der Bleilöter, der Schreiner, der Klempner, der Küfer, der Heizer und Maschinisten nicht anders zu erwarten, macht sich dauernd das Bestreben der Arbeiterorganisationen bemerkbar, auch in dieser Industrie Fuß zu fassen. Wie zahlreiche Fälle dieser Art, auch auf dem Gebiet der chemischen Industrie in Amerika und England, gezeigt haben, ist bei der Macht der Arbeitnehmerorganisationen die einzelne Fabrik gegen solche Bewegungen machtlos und kann sich entweder, wenn sie immer nachgibt, nicht konkurrenzfähig erhalten, oder muß, wenn sie sich einem solchen Kampf aussetzt, eine schwere Krisis durchmachen. Die in den einzelnen Distrikten bestehenden Arbeitgeberverbände können hier, bei der Eigenartigkeit des chemischen Betriebes nicht viel nützen. Ein Zusammenschluß der sämtlichen chemischen Fabriken im Rahmen des Vereins zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands zu einem großen Arbeitgeberverband der chemischen Industrie hat auch große Bedenken und ist von geringem Wert. Anders aber wenn die großen deutschen Farbenfabriken sich zu einer Betriebsvereinigung mit gleichen Interessen auf der ganzen Linie zusammenschließen. Dann ist die Macht einer solchen kapitalkräftigen Gruppe so groß, daß die Arbeitnehmerorganisationen daran scheitern und die Arbeiter schon an sich nicht wagen werden, leichtfertige Streiks vom Zaun zu brechen. Dann kann, wenn dennoch eine Arbeitsniederlegung stattfindet, eine Fabrik der anderen mit Waren aushelfen und das Gesamtunternehmen die trotz großem Geschick in Szene gesetzten meist lang andauernden Streiks siegreich und ohne allzu großen Schaden überstehen. Die Bildung der großen, amerikanischen Trusts ist vielfach auf das Fehlen von Arbeitgeberverbänden, den mangelnden Zusammenhalt der Arbeitgeber und die kolossale Macht der gut organisierten Unions zurückzuführen, die riesige Summen zusammengetragen und zahlreiche Erfolge auf allen Gebieten erzielt haben. Die großen Erfolge der amerikanischen Unions sind auch mit die Ursache dafür, daß die früher vorhandene Gefahr der Überlegenheit einzelner amerikanischer Industriezweige gegenüber denjenigen in der alten Welt als beseitigt gelten darf.

Form der Vereinigung

Wenn wir nun der Frage näher treten, wie sich eine solche Vereinigung organisieren und durchführen läßt, so müssen wir uns zuerst Klarheit darüber zu verschaffen suchen, welche äußere Form für die Vereinigung die beste und erfolgreichste sein würde.

Syndikat oder Kartellbildung ist undurchführbar

Mannigfach ist die Art und Weise gewesen, in der auf Grund des bestehenden Aktiengesetzes die Syndizierung bzw. Verschmelzung von zwei oder mehreren Firmen durchgeführt worden ist. Die einfachste, nur geringe Unkosten verursachende Form ist die des Syndikats. Die Aktiengesellschaften und Firmen bleiben bestehen wie sie sind und übergeben ihre gesamte Produktion zum Verkauf einem zu gründenden Verkaufs-Syndikat, dem ein aus den Direktionen zu bilden der Beirat behufs Festsetzung der Übernahme- und Verkaufspreise, Normierung der Produktion, Zuteilung der Aufträge usw. zur Seite steht. Es sind das also Einrichtungen, wie wir sie beim Kohlen- und Koks-Syndikat erfolgreich wirksam sehen. Ein solches Syndikat ist aber nur durchführbar, wenn die zu vertreibenden Artikel einfacher und einheitlicher Art sind. Bei den tausendfältigen Produkten der Farbenindustrie, zumal bei den vielen Neuheiten, welche die Farbenfabriken, dem Fortschritt folgend, bringen müssen, besteht schon keine Möglichkeit der Verständigung in Bezug auf die Übernahme-, Verkaufs- und Ausbietungspreise. Ganz zu schweigen von den Spezialprodukten, welche jede Firma als patentierte, ihr allein geschützte Artikel in den Handel bringt, um mit denselben gegen die alten, allen Firmen zugänglichen Produkte zu konkurrieren. Auch läßt sich ein Verkaufssyndikat nur auf eine beschränkte Zeit abschließen, die dann wieder keine Möglichkeit gibt, die bestehende Verkaufsorganisation, die ja in der Farbenindustrie eine internationale und vielgestaltige ist, aufzugeben und eine neue an die Stelle zu setzen. Der Austausch der Betriebserfahrungen fällt ganz fort, so daß sich die wesentlichen oben geschilderten technischen Vorteile überhaupt nicht erzielen lassen.

Wer weiß, welche Verkaufs- und sonstigen Schwierigkeiten bereits kleine Konventionen für einzelne Artikel bereiten, wie die Meinungen der verschiedenen Firmen hier divergieren und welch seltsame Blüten die Eifersucht und der Neid der Verkäufer zuweilen treiben, der wird eine solche Konvention für alle Artikel ohne weiteres verwerfen.

Sollen wirklich in vollem Maße die Vorteile der Vereinigung auf dem Gebiet der Farbenindustrie erzielt werden, unter Meisterung möglichster Reduzierung der Nachteile, so muß diese Vereinigung schon eine innigere und langandauernde sein, da viele Jahre vergehen werden, ehe überhaupt die in Aussicht zu nehmende Organisation nach jeder Richtung hin durchgeführt ist. Wir müßten uns also schon mit der Verschmelzung der einzelnen Firmen zu einer einzigen großen Aktiengesellschaft (Fusion) befreunden.

Betriebsvereinigung oder Interessengemeinschaft16

In letzter Zeit ist noch eine Zwischenstufe, die sogenannte „Betriebs- oder Interessengemeinschaft", ausgebildet und versucht worden. Die Aktiengesellschaften als solche mit ihren gesetzlich vorgeschriebenen Organen, wie Aufsichtsrat, Vorstand usw., bleiben unverändert bestehen. Auf Grund eines langsichtigen Vertrages wird eine Betriebs- oder Interessengemeinschaft gebildet, in der die Firmen alle ihre Erfahrungen auf technischem und kaufmännischem Gebiet austauschen und sich gegenseitig fortlaufend über alle Fortschritte unterrichten und orientiert halten. Ein aus den Mitgliedern des Direktoriums oder des Aufsichtsrats der verschiedenen Gesellschaften gebildeter „Delegationsrat" entscheidet in allen wichtigen Streitfragen, und zwar bei allen Fragen, die die Selbständigkeit der einzelnen Firma nicht berühren, am besten mit Majorität der Beteiligung. Der Gewinn wird dann am Ende des Betriebsjahres auf Grund einer kontraktlich festgelegten Verteilungsziffer geteilt und die Generalversammlungen der einzelnen Gesellschaften fassen über die Verwendung des ihnen zugefallenen Gewinnanteils selbständige Beschlüsse. Die Dividende wird im allgemeinen ihrem Betrage nach dem Verteilungsschlüssel entsprechen. Wird aber eine Verständigung über die Dividende nicht erzielt und will eine Firma einmal mehr Dividende verteilen wie die andere, so kann sie dies tun. Es tritt dann eine Schmälerung der Reserven dieser Firma ein bzw. die anderen Firmen bekommen ein entsprechendes Reserveplus. Selbstverständlich unterliegen derartige Reservenschmälerungen oder -Vergrößerungen einer im Voraus festzusetzenden Verzinsung zum Nachteil bzw. Vorteil der in Betracht kommenden Firmen.

Die letztere Art der Vergesellschaftung mehrerer Unternehmungen hat für uns Deutsche, die wir der Erhaltung des Individualismus eine große Bedeutung beimessen, sehr viel Bestechendes und ist auch für die chemische Industrie überall da, wo sie versucht wurde, wie bei dem obengenannten Dreibund, aber auch bei einer Zahl von Fabriken der pharmazeutischen Branche, von großem Wert gewesen. Sie ist dann in Aussicht zu nehmen, wenn es von vornherein nicht gelingt, den Zusammenschluß der Farbenfabriken zu einem einheitlichen Ganzen herbeizuführen.

Fusion

So gut die Interessengemeinschaft in technischer Hinsicht arbeitet, sie hat aber den Nachteil, daß es auch schwer oder überhaupt nicht möglich ist, den so wichtigen Verkauf zu zentralisieren. Sie kann deshalb nicht alle jene Vorteile erzielen, die mit der Zentralisation überhaupt verbunden sind. Solange aber die Gesellschaften selbständig sind, wie dies wieder der Vorzug der Interessengemeinschaft ist, hat jede Firma noch ein besonderes Interesse an der weiteren Entwicklung ihrer sämtlichen Betriebe und der Bevorzugung ihrer Spezialitäten beim Verkauf. Einer zentralisierten Verkaufsstelle aber muß und wird es gleich sein, wo und wie die einzelnen ihr zum Verkauf übertragenen Produkte gemacht werden. Sie wird das beste und im Einstandspreis billigste Fabrikat in erster Linie absetzen. Geschieht dies aber, so gerät sie in dauernden Konflikt mit den einzelnen Firmen, bei denen jede auf den Absatz der anderen Firma eifersüchtig ist, auch darauf bedacht sein muß, ihre Produkte abzusetzen, um so zu vermeiden, daß die anderen Firmen ihr nicht über den Kopf wachsen. Wollen wir aber alle Vorteile eines Zusammenschlusses erzielen, so müssen wir auch die Verkaufsorganisationen der verschiedenen Firmen zusammenwerfen, und das können wir wiederum nur tun, wenn fusioniert wird. Daß die Fusion auch der einfachere und erfolgreichere Weg in juristischer, wirtschaftlicher und verwaltungstechnischer Beziehung ist, wenn es nur gelingt, einen geeigneten Organisationsplan zu entwickeln und die zur Ausführung desselben erforderlichen, passenden und tatkräftigen Männer zu finden bzw. aus den alten Gesellschaften in die neue zu übernehmen, werden wir nunmehr zu zeigen haben.

Der nächstliegende Weg zur Bildung einer solchen alle umfassenden großen Gesellschaft wäre der, daß eine der bestehenden Aktiengesellschaften ihr Aktienkapital erhöht und gemäß § 305 und 306 des Handelsgesetzbuches die übrigen Aktien- und etwaigen Privatgesellschaften gegen Austausch der neuen Aktien in sich aufnimmt. Dieser Weg ist aber nicht gangbar, weil dann das Aktienkapital der übernehmenden Gesellschaft nicht gewässert werden kann und so die sich aus dem hohen Kurs der Aktien ergebenden, oben geschilderten Mißstände bestehen bleiben. Dagegen dürfte es möglich sein, auf folgende Weise zu dem gewünschten Ziel zu gelangen: Die sich an der Fusion beteiligenden Gesellschaften gründen eine neue Aktiengesellschaft unter neuer Firma.

In der Annahme, daß acht Firmen an der Fusion beteiligt sind, ist die neue Gesellschaft mit einem Aktienkapital etwa von je M 200000, also insgesamt M 1 600000 auszustatten, die von den Gründern sofort bar zu bezahlen sind. Das Gesellschaftsstatut regelt genau die nach der Fusion eintretenden Verhältnisse und sieht für den ersten Aufsichtsrat und für die Direktion die Aufsichtsrats- und Vorstandsmitglieder der einzelnen zu vereinigenden Gesellschaften vor. Die an der Gründung beteiligt gewesenen Gesellschaften haben dann gemäß § 305 und 306 des Handelsgesetzbuchs ihre Vermögen als Ganzes an die neue Gesellschaft zu übertragen und mit dieser zu vereinbaren, daß eine Liquidation ihrer Vermögen nicht stattfinden soll. Ferner ist in dem Fusionsvertrag das Verhältnis festzulegen, in dem der Umtausch der Aktien der alten Gesellschaften gegen die Aktien der neuen Gesellschaft, deren Grundkapital dann entsprechend zu erhöhen ist, stattfinden soll, bzw. soweit es sich um Privatgesellschaften handelt, genau zu bestimmen, wieviele Aktien diese für die Übertragung ihres Vermögens von der neuen Gesellschaft erhält.

Die durch die Fusion entstehenden Kosten sind allerdings sehr groß und würden etwa 5% des neuen Aktienkapitals betragen. Zunächst erforderte die Beurkundung des Gesellschaftsvertrages über die Gründung der neuen Gesellschaft gemäß Nr. 1 Z. a. des Tarifs zum Reichsstempelgesetz vom 3. Juli 1913 einen Stempel von 4½% des Aktienkapitals von M 1600 000 und die Übernahme der Aktien gemäß Nr. 4 Abs. 2 des Tarifs zum Reichsstempelgesetz einen ferneren Reichs stempel von drei Zehntel pro Mille dieses Aktienkapitals. Bei der Erhöhung des Grundkapitals infolge der Fusion wäre ebenfalls wieder ein Stempel von 4½% für die Beurkundung der Kapitalserhöhung und ein zweimaliger Stempel von drei Zehntel pro Mille für die Zuteilung und den Austausch der Aktien zu bezahlen. Hinzu kämen die Gerichts- und Notariatskosten, die Gebühr für die Zulassung an der Börse und sonstige kleinere Ausgaben, so daß insgesamt ein Prozentsatz von 6% jedenfalls erreicht wird.

Bei dieser Assoziationsform ist eine Trennung nach dem Zusammenschluß, wie dies eventuell, wenn auch nur der Form, nicht dem Inhalt nach, die Interessengemeinschaft zuläßt, für den Fall, daß die erhofften Vorteile nicht eintreten, ausgeschlossen. Die Ursache des Mißlingens würde dann aber sicherlich nicht in dem Zusammenschluß an sich, sondern in den Zeitverhältnissen oder in falscher Organisation und vor allem darin zu suchen sein, daß ungeeignete Personen an der Spitze stehen.

Die Größe der Vereinigung ist kein Hindernis

Das weitere Bedenken, das bei dem vollständigen Aufgehen bestehender Fabriken in eine große Firma meist besteht, daß diese nämlich einen allzu großen Umfang annimmt, ist bei der Farbenindustrie nicht zu befürchten. Der naturwissenschaftlich und historisch geltende Grundsatz, daß jedes Gebilde und jedes Reich, das allzu sehr an Ausdehnung zunimmt und bestimmte Grenzen in seinem Umfang überschreitet, damit den Keim des Zerfalls in sich birgt, gilt an sich auch für solche Gesellschaften. Aber weder nach der kapitalistischen noch nach der verwaltungstechnischen Seite hin wird eine Aktiengesellschaft, die sich durch Vereinigung der deutschen Farbenfabriken bildet, zu groß oder zu ungefügig sein. Jene Riesenkolosse, wie wir sie im amerikanischen Eisen- und Stahl-Trust und in einer größeren Zahl anderer Trusts in Nordamerika vor uns sehen, die kapitalistisch zwanzigmal größer sind und die, was die Zahl der Fabriken und die Eigentumsverhältnisse anbetrifft, unsere Vereinigung ganz gewaltig übertreffen, sie ließen sich als solche halten, und es bestände kein Zweifel über ihre Existenzfähigkeit, wenn sie nicht übergründet und mit Kapitalzinsen allzu sehr belastet wären. Eine Gefahr, die bei einer solch großen Organisation besteht, ist auch das Einreißen eines für das geschäftliche Leben schädlichen Bürokratismus und schablonenhaften Wirkens. Wenn das Beispiel der preußischen Eisenbahnverwaltung, die ja an sich der größte technische Betrieb unter einheitlicher Leitung und Verwaltung in Europa ist, hier nicht herangezogen werden kann, weil es sich dabei um eine Verkehrseinrichtung und um ein Staatsmonopol handelt, so wollen wir sie doch erwähnen, um zu zeigen, was sich auf diesem Gebiet erzielen läßt. Ihr hat der Formalismus nicht geschadet, und auch die Größenverhältnisse, in denen sie die kleineren Eisenbahnverwaltungen Sachsens, Württembergs, Badens und Bayerns bei weitem übertrifft, haben ihr keinen Schaden, sondern nur Macht und damit große Vorteile gebracht. Auch hier hat besonders der Krieg, der ganz außerordentlich große Anforderungen auf militärischem und zugleich wirtschaftlichem Gebiet an die Eisenbahn stellte, die Richtigkeit dieser Behauptung bestätigt.

Organisation der vereinigten Farbenfabriken

Nehmen wir also an, es wäre möglich, auf einem der oben bezeichneten Wege eine Aktiengesellschaft mit einem Kapital von etwa 400 bis 500 Millionen Mark zu gründen und fragen wir dann, wie wir diese Gesellschaft organisieren und ausgestalten wollen, so brauchen wir im allgemeinen nur die Organisation, wie sie bei unseren großen deutschen Farbenfabriken sowohl nach der kaufmännischen wie nach der technischen Seite hin bereits durchgeführt ist, auch dieser neuen Gesellschaft vorzuschreiben. Wir müssen allerdings sehr darauf bedacht sein, die Faktoren, die einen solchen großen Organismus gesund und lebenskräftig erhalten, nämlich die Individualität, die Idealkonkurrenz und den Ehrgeiz der einzelnen Werke und der darin tätigen Personen als Haupttriebfeder einzuspannen.

Erhaltung der Individualität und der Idealkonkurrenz17

Eine solche große Gesellschaft, die Fabrikations- und Verkaufszweigniederlassungen nicht nur an den verschiedensten Stellen Deutschlands, sondern in allen Ländern der Welt hat, deren Direktion und Verkaufszentrale, in der alle geschäftlichen Fäden zusammenlaufen, sich nicht mehr, wie dies jetzt immer der Fall ist, am Ort der Fabrikation befindet, und bei der daher die direkte persönliche Fühlung und Einwirkung der leitenden Direktoren und der Verkaufsorgane auf die Techniker und umgekehrt fehlt, sie muß in den allgemeinen Angelegenheiten, wie Verwaltung und Vertretung nach außen, Einkauf und Verkauf, Kassen- und Finanzangelegenheiten, kaufmännischer Buchführung und Statistik zentralisiert, in allen anderen Abteilungen aber möglichst weitgehend dezentralisiert sein. So weit wie möglich, ist die Individualität jedes einzelnen Werks und jeder einzelnen Abteilung in demselben unverändert zu erhalten. Der Name des Werkes und die darin bisher erfolgreich tätig gewesenen leitenden Kräfte mit allen Organen, mit den Erfindungslaboratorien, den Betriebslaboratorien, mit den Konstruktionsbüros und mit den allgemeinen und speziellen Betriebseinrichtungen bleiben bestehen. Die Erfindungen, welche die Chemiker und Ingenieure eines jeden Werks machen, sie sind auf den Namen der Zweigniederlassung, wenn auch auf dem Wege über die Zentralstelle und durch die dort befindliche zentralisierte Patentabteilung hindurch, durch das in jeder Fabrik befindliche Patentbüro, das in dauernder direkter persönlicher Fühlung mit den Erfindern steht, anzumelden. Werden in einer Filiale neue Produkte erfunden und von der Zentrale zur technischen Darstellung zugelassen, so muß selbstverständlich diese Fabrikation die Fabrik übernehmen, alle Vorbereitungen zur Ausbietung treffen und das Produkt unter ihrem Etikett in den Handel bringen.

Die großen Artikel sollten immer in zwei Fabriken gemacht werden

Wird in der einen Fabrik ein Produkt nach einem Verfahren fabriziert, das in seiner Apparatur oder seinem Chemismus von demjenigen der anderen Fabrik verschieden ist, und ist eine große Überlegenheit des einen Verfahrens vor dem anderen in bezug auf Einstandspreis nicht vorhanden, wie z. B. bei der Darstellung von Schwefelsäureanhydrid, bei der Regeneration von Chromsalzen, bei der Reinigung von Anthracen, bei der Darstellung der 1.8-Amidonaphtol-3.6-disulfosäure (H-Säure) usw. usw., so darf nicht unifiziert werden, sondern die verschiedenartigen Betriebe sind solange nebeneinander bestehen zu lassen, bis eine größere Überlegenheit des einen Verfahrens über das andere sich bemerkbar macht. Aber auch dann ist es zur Erhaltung des Konkurrenzprinzips und aus feuertechnischen Gründen ratsam, eine Zentralisation der Fabrikation solcher Artikel, wie der großen Artikel überhaupt, zu vermeiden. Allerdings ist eine Reihe von Betrieben, die nicht auf der Höhe der Zeit stehen oder in ihren Einrichtungen veraltet sind, zu schließen und die Produktion der am besten eingerichteten Fabrik zuzuweisen, um diese entsprechend zu vergrößern. Immer sollten, wenn irgend durchführbar, mindestens zwei solcher großen Betriebe an verschiedenen Orten erhalten bleiben, damit die darin tätigen Chemiker und Ingenieure sich nicht konkurrenzlos fühlen, sondern dauernd in gegenseitigem Wettbewerb miteinander arbeiten.

Austausch der Erfahrungen

Auf schriftlichem Wege durch Berichte, auf mündlichem Wege durch vorzusehende Konferenzen mit den Fabrikdirektoren und durch gegenseitigen Besuch der Betriebsleiter der verschiedenen Werke, muß denn der Austausch der Erfahrungen eintreten, so daß die Vorteile des einen Betriebs dem anderen fortlaufend zugute kommen. Dies bezieht sich selbstverständlich nicht nur auf die chemischen Betriebe, sondern auch auf die allgemeinen Einrichtungen, wie Transportwesen, Zentralanlagen, Trocken-, Mahl- und Mischeinrichtungen, mechanische Werkstätten usw. usw.

Kalkulationen und technische Buchungen finden in Filialfabriken statt

Jedes Werk hat die Kalkulationen für die Produkte und Spesen, die Kontrollen für die verbrauchten Materialien, die Buchungen für die Reparaturen, für die Neuanlagen und Amortisationen durch geeignete kaufmännische Kräfte, welche direkt unter der Filialdirektion stehen und sich in persönlicher Fühlung mit den Betriebsführern befinden, selbst zu machen, muß aber das zusammengefaßte Material regelmäßig zur Buchung und Kontrolle an die Zentralstelle senden, damit hier die Generalbuchungen und Vergleiche mit den von den anderen Filialen einlaufenden Zahlen vorgenommen werden. Es sind dann sofort die erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um die Fortschritte des einen Werks unverzüglich bei dem anderen Werk nutzbar zu machen. Die Erzeugnisse einer jeden Filiale sind, wenn irgend möglich, unter dem Namen und Etikett der alten Firma, unter eventueller Hinzufügung des Namens des neuen Unternehmens in den Handel zu bringen. Bei den Farbstoffen für die Exportländer, wie Indien, China, Japan, usw. mit Spezialetiketts und in besonderer Aufmachung ist dies eine absolute Notwendigkeit.

Organisation muß sich anpassen

Bis in alle Einzelheiten hinein wird sich die Organisation, die selbstverständlich erst auf Grund eines sorgfältigen Studiums aller diesbezüglichen Einrichtungen der verschiedenen Fabriken auszugestalten ist, von selbst ergeben, wenn nur geeignete und tüchtige Kräfte nicht bloß an der Spitze der Zentrale, sondern auch der Einzelunternehmungen stehen. Ihre Hauptaufgabe ist, dafür zu sorgen, daß die Organisation nicht starre Formen annimmt, sondern dauernd lebendig bleibt und sich dem Wechsel der Verhältnisse und Zeiten und allen technischen Fortschritten anzupassen sucht.

Studium aller Neuheiten

Alles technisch Neue, was sich irgendwo in der Welt zeigt, es sollte in diesem großen Werk studiert und ausprobiert werden. Die dazu erforderlichen chemisch-, physikalisch und ingenieur-technisch ausgebildeten Kräfte sind jetzt vorhanden; sie lassen sich durch eine geschickte Direktion, die darauf bedacht ist, jeden tüchtigen Menschen gerade an den Ort zu stellen, wo er seine Kräfte am besten entfalten kann, besser in einem großen vielgestaltigen Lebewesen, wie in einem kleineren Organismus verwerten.

Auch in dem großen Gebilde werden Irrtümer und Fehlgriffe, zumal in der Übergangszeit, vorkommen, da Irren und Fehlen menschlich ist. Aber für tüchtige und tatkräftige Fachleute ist das Wirken und Schaffen in einem solchen, in alle Gebiete hinübergreifenden Gesellschaftssystem ein Arbeitsfeld, wie man es sich schöner nicht denken kann.

Aufsichtsrat der neuen Vereinigung18

Wie aber denken wir uns nun die Organisation in der Zentrale selbst? Der gesetzlich vorgeschriebene Aufsichtsrat ist in der Weise zu bilden, daß für den Anfang jede der in die Vereinigung eintretenden Gesellschaften im Verhältnis ihres Anteils am neuen Aktienkapital, von dem später die Rede sein wird, eine entsprechende Zahl von Personen ernennt. Es empfiehlt sich, Vorkehrung zu treffen, daß mindestens alle jetzigen Aufsichtsratsmitglieder der fusionierenden Gesellschaften auch Mitglieder des Aufsichtsrats der neuen Gesellschaft werden.

Delegationsrat

Von jeder Gesellschaft sind je ein Mitglied des Aufsichtsrats und je ein oder zwei Stellvertreter, die genaue Sach- und Fachkenntnisse besitzen, in einen zu bildenden Ausschuß (Delegationsrat) zu berufen. Diesem Delegationsrat wird die Aufgabe zufallen, in mindestens monatlich stattfindenden Sitzungen Kenntnis zu nehmen von allen wichtigen, sich in der Gesellschaft abspielenden Ereignissen und Kontrolle zu üben an allen von den Direktoren getroffenen Maßnahmen. Im speziellen muß ihm, außer den Vorbereitungen für die nur drei- oder viermal im Jahre stattfindenden Aufsichtsratssitzungen, zufallen die Genehmigung aller Anstellungsverträge über einen bestimmten Gehalts- bzw. Einkommensbetrag von sagen wir M 6000, die Genehmigung von Anlagen aller Art über einen bestimmten Betrag, nehmen wir an M 20000 oder M 30000 und die Gutheißung der Käufe von Immobilien, Beteiligungen an fremden Unternehmungen, Errichtung von Zweigniederlassungen und von Organisationsveränderungen aller Art.

Direktorium

Das Wichtigste bei einer jeden größeren Erwerbsgesellschaft ist das Direktorium. Hauptaufgabe eines jeden Aufsichtsrats muß es sein, hierfür die besten Kräfte mit weitem Blick, großen Erfahrungen und vielgestaltigem Organisationstalent ausfindig zu machen. Bei der großen Zahl hervorragender Fachleute, welche heute Vorstandsmitglieder der verschiedenen Farbenfabriken sind, wird die Wahl nicht schwer sein. Aber auch für spätere Zeiten wird in den zahlreichen, tüchtigen technischen und kaufmännischen Beamten leicht ein geeigneter Nachwuchs zu finden und zu erziehen sein. Überhaupt ist der größte Vorteil, der in der Vereinigung liegt, darin zu sehen daß sich in den Abteilungen aus dem großen Beamtenheer, das nach tausenden zählt, die tüchtigsten für leitende Zwecke aussieben lassen und so eine Beamtenelite geschaffen wird.

Verfassung der Direktion

Die Verfassung des Direktoriums denke ich mir in der Weise, daß jedem Mitglied ein oder mehrere der nachstehend benannten Dezernate zufallen, daß für jedes Dezernat ein Stellvertreter ernannt wird, der im Falle der Krankheit, des Urlaubs oder sonstiger geschäftlicher Behinderung den eigentlichen Dezernenten vertritt, und daß jeder gleichmäßig Sitz und Stimme im Rat des Direktoriums erhält.

Vorsitzender

Ein vom Aufsichtsrat zu bestimmender Vorsitzender, an dessen Stelle im Falle der Verhinderung ein erster bzw. zweiter stellvertretender Vorsitzender tritt, leitet die zu bestimmten Zeiten stattfindenden Versammlungen der Direktoriumsmitglieder und ist dem Aufsichtsrat gegenüber in erster Linie dafür verantwortlich, daß die Einheit in dem Direktorium, in der Verwaltung und der gesamten Organisation erhalten bleibt und die mit Majorität zu fassenden Beschlüsse des Direktoriums ausgeführt werden. Diesem Vorsitzenden darf, wenigstens im Anfang, um Eifersüchteleien zu vermeiden, ein Vorrang vor den anderen Direktoren nicht gegeben werden. Ob er noch neben seiner allgemeinen Tätigkeit das eine oder andere Spezialdezernat übernimmt, hängt von seiner Arbeitskraft und von seinen Fähigkeiten ab. Besser, er huldigt dem Grundsatz: „In der Beschränkung zeigt sich der Meister" und sucht sich im Interesse des Ganzen dadurch nützlich zu machen, daß er auf allen Gebieten durch Besuch der verschiedenen Fabrikations- und eventuell auch der Verkaufsfilialen sich orientiert hält, die Einheit der Verwaltung wahrt und nach jeder Richtung hin belebend wirkt.

Sitz der Gesellschaft

Als Sitz der Gesellschaft und des Direktoriums ist diejenige Stadt zu wählen, die möglichst in der Mitte zwischen den großen Fabrikationsstätten liegt, und von der aus man bequem die einzelnen Fabriken besuchen bzw. nach der die an den Filialen wohnenden Direktoriumsmitglieder oder deren Stellvertreter leicht zu den großen Direktoriumskonferenzen, Delegations-, Aufsichtsratssitzungen, zu den allgemeinen Beratungen und Besprechungen gelangen können. Der Vorsitzende, die stellvertretenden Vorsitzenden und die kaufmännischen Direktoren nehmen unbedingt sobald als möglich ihren Wohnsitz am Sitz der neuen Gesellschaft, um in täglichen Konferenzen alle allgemeinen Angelegenheiten und Verkaufsfragen einheitlich zu erledigen.

Übergangszeit

Während der Übergangszeit und solange eine genügende Zahl von geeigneten Büroräumen nicht vorhanden ist, wird der Verkauf in derselben Weise wie bisher nur mit sofort festzusetzenden niedrigsten Verkaufspreisen und Bedingungen für alle Artikel, die in regelmäßig alle Wochen wenigstens einmal stattfindenden Konferenzen zu regulieren sind, von den Verkaufsbüros der alten Firmen vollzogen. Die zu berufenden Direktoren und Dezernenten für die einzelnen Länder machen sich aber sofort daran, durch persönliche Besichtigung der Verkaufsfilialen und in Beratungen mit den Leitern derselben die erforderliche Zentralisation und einheitliche Ordnung einzuleiten und durchzuführen. Sobald dies geschehen, wird der Verkauf in diesen Ländern dann allein geleitet von dem betreffenden Direktoriumsdezernenten, unbekümmert darum, ob er noch seinen Wohnsitz bei der Fabrik der alten Firma hat oder bereits an den Sitz der neuen Firma gezogen ist. Auf diese Weise werden langsam aber sicher und ohne Störung die sämtlichen Fäden des Verkaufs nach einem Punkt gerichtet und schließlich der Gesamtverkauf von der Zentrale aus geleitet.

Langsame und nicht überhastete Umwandlung

Die aus dem Zusammenschluß der verschiedenen Gesellschaften sich ergebenden obenerwähnten technischen Vorteile kommen selbstverständlich sofort, ehe die Zentralisation vollzogen, zur Geltung. Aber auch hier heißt es: „Gehen und nicht Springen", sowohl in technischer wie in kaufmännischer Beziehung. Die Umwandlung nach allen Richtungen muß sich langsam, unter richtiger Verwertung der zur Verfügung stehenden Kräfte vollziehen. Wer Gutes und Neues schaffen will, darf zuerst nicht an Arbeitskräften sparen. Entweder die Vereinigung bedingt ein solches Wachstum an Umfang des Geschäfts und des Absatzes, daß die vorhandenen Kräfte im Laufe der Zeit sämtlich Verwendung finden oder, wenn dies nicht der Fall, so werden doch Jahre vergehen, ehe die totale Vereinigung vollzogen ist, und dann haben die überflüssigen Arbeitskräfte Zeit genug, sich anderweitig umzusehen.

Wir sehen also, auch die Organisationsfrage macht keine Schwierigkeiten. Hier muß nur von Seiten der neuen Direktoren mit großer Energie einerseits, mit Klugheit und Takt andererseits vorgegangen werden. Selbstverständlich läßt sich die so eingehend geschilderte Gliederung der neuen Gesellschaft nach vielen Richtungen hin auch anders gestalten. Es sollte hier nur eine Art in Vorschlag gebracht und ausführlich geschildert werden.

Auf jeden Fall muß jeder, der sich verständigen und die Vorteile des Zusammenschlusses genießen will, alle kleinlichen Bedenken bei Seite werfen. Er darf nur von großen Gesichtspunkten aus urteilen und Entschlüsse fassen. Die Entscheidung wird keinem leicht werden, da jede Firma, jedes Mitglied der Verwaltung Opfer bringen und auf liebgewonnene Einrichtungen aller Art verzichten muß. Der jetzt im engeren Rahmen des kleineren Geschäfts ausgeübte persönliche Einfluß wird im großen Reich der Farbenvereinigung geringer sein. Das große Kapital, das sich in den Händen der Firmeninhaber oder einzelner Firmen oder endlich in den Familien der Gründer befindet, und das in dem kleineren Kreis der jetzt bestehenden Gesellschaften entscheidend war, es wird in den vereinigten Farbenfabriken nicht mehr allein ausschlaggebend sein. Aber dennoch sind gerade für die Inhaber der Privatfirmen und für den jetzigen Aktionär die Vorteile des Zusammenschlusses so gewaltig groß, daß sich jeder gern daran beteiligen wird. Ist der gute Wille vorhanden, diese Amalgamierung auf gesunder und solider Basis vorzunehmen, die, darüber besteht kein Zweifel, der deutschen Farbenindustrie die Weltherrschaft für Dezennien hinaus sichern würde, der geeignete Weg wird sich schon finden lassen.

Täusche ich mich nicht, so sind die Zeitverhältnisse für die Erörterung aller hier in Betracht kommenden Fragen wie vor zehn Jahren, so auch jetzt wieder äußerst günstig. Der Krieg hat gezeigt, wie wichtig die Farbenindustrie für jedes Land ist. Die feindlichen Länder haben bereits Veranstaltungen zur Gründung von Farbenfabriken getroffen. Auch die neutralen Länder sind dabei, sich auf diesem Gebiet unabhängig zu machen. Wir, die Leiter der Farbenfabriken, wissen aber, daß unsere Industrie nur dann blühen und gedeihen kann, wenn sie nicht zersplittert wird, sondern groß und mächtig im Deutschen Reich wie bisher erhalten bleibt. Der Weltverbrauch an künstlichen Farbstoffen ist zu klein und die Zahl der Produkte zu groß, um eine so weitverzweigte Dezentralisation zuzulassen, wie sie die Fabrikation in jedem Industrieland zur Folge haben würde. Aus eigener Erfahrung bei unseren schon jetzt allzuweit verzweigten Filialfabriken in Frankreich, Rußland, England und Amerika wissen wir, wie groß die Unkosten werden, so daß selbst hohe Zölle, wie 30% vom Umsatz, eine Fabrikation in Amerika nicht lohnend erscheinen lassen. Die feindlichen Länder werden die Zollmauer, wenn nötig, noch höher machen. Die deutschen Farbenfabriken müssen dann wie ein Mann zusammenstehen und sich, so lange es geht, gegen die Errichtung von neuen Fabrikationsfilialen wehren. Ist das aber nicht möglich, ohne den Absatz zu verlieren, so müssen wir, nicht wie es jetzt der Fall, jeder eine solche Filialfabrik bauen, sondern uns zusammenschließen, um dann statt jener vielen Fabriken nur eine zu errichten. Aber auch der Verkauf in den feindlichen Ländern wird nach dem Krieg nicht leicht sein. Auch hier heißt es, fest zusammenhalten. Darum schnell ans Werk. Im Krieg bietet sich die günstigste Gelegenheit. Eine Aussprache der Vertreter der großen Gesellschaften wird bald zeigen, ob der Zeitpunkt richtig gewählt ist.

Sollte ich mich aber täuschen, so wird sicherlich weder meine Arbeit auf diesem Gebiet, noch auch die sich daran knüpfende Erörterung vergeblich gewesen sein. Einst wird doch kommen der Tag, da die deutschen Farbenfabriken eine einzige große mächtige Vereinigung bilden zum Segen der deutschen chemischen Industrie und damit des deutschen Vaterlandes. Hoffentlich wartet man hiermit nicht so lange, bis die Zeiten schlechter geworden und damit die Bedingungen des Zusammenschlusses ungünstiger sind, sondern vereinigt sich schnell und bald, eingedenk des Wortes: „Dem Mutigen gehört die Welt".

 

Leverkusen, im August 1915.

  1. Die Denkschrift von 1904 war von Duisberg noch nicht, wie bei deren Neufassung im Jahre 1915, durch Zwischentitel in Abschnitte gegliedert worden (H. R.).
  2. Um diesen Abschnitt ist der ursprüngliche Text erweitert worden. Er beweist den Blick Duisbergs für die Tatsache, daß es den einzelnen Werken immer schwerer wurde, ihre nicht mehr durch Patente monopolistisch geschützten Produkte vor der Konkurrenz zu sichern (H. R.).
  3. Der vorstehende Satz ist ein gutes Beispiel dafür, wie Duisberg bereits 1915 die Kriegsfolgen für die deutsche Farbenindustrie und deren Nachkriegsperspektive einschätzte. Er trug damit den Veränderungen Rechnung, die sich seit der ersten Denkschrift, vor allem seit Kriegsausbruch durch die ausländischen Schutzzollbestrebungen und durch die entstehende ausländische Konkurrenz ergeben hatten (H. R.).
  4. Dieser und der folgende Abschnitt sind vom Verfasser gegenüber dem alten Text von 1904 an mehreren Stellen auf den neuesten Stand der wirtschaftspolitischen Entwicklung gebracht worden (H. R.).
  5. Der Schluß dieses Kapitels ist in der ersten Fassung nicht enthalten. Hier zeigt sich das sichere Empfinden Duisbergs für objektive ökonomische Gesetzmäßigkeiten. Keineswegs von einer stetigen Prosperität der wirtschaftlichen Entwicklung überzeugt, ruft er prognostisch „in guten Tagen" zur Vereinigung der Farbenfabriken auf, von der er sich eine für den künftigen Konkurrenzkampf ausreichende Monopolstellung verspricht (H. R.).
  6. In diesem Abschnitt ist die „Lage der pharmazeutischen Industrie" entsprechend den seit 1904 eingetretenen Veränderungen umfassender als ursprünglich dargestellt (H. R.).
  7. Das Kapitel „Einfluß des Krieges" ist naturgemäß in der ersten Fassung nicht enthalten (H. R.).
  8. 1904 waren noch 250 Millionen Mark angegeben (H. R.).
  9. 1904 lautete Duisbergs Formulierung noch „Bedeutung" (H. R.).
  10. Der vorstehende Satz ist eine typische, der Kriegssituation Rechnung tragende Bemerkung Duisbergs, mit der der Text von 1904 aktualisiert wurde — wie der Verfasser überhaupt in seinen folgenden Ausführungen die Aktionäre der Farbenfabriken durch zusätzliche Argumente von den mit dem Zusammenschluß zu erwartenden „Vorteilen in kapitalistischer Beziehung" (z. B. in Form von konstanteren Dividenden) zu überzeugen versucht (H. R.).
  11. Die in diesem Kapitel dargelegten Gedanken sind in der Fassung von 1904 noch nicht enthalten (H. R.).
  12. Der ganze Abschnitt ist 1915 neu in die Denkschrift eingearbeitet worden (H. R.).
  13. Der folgende Absatz ist im alten Text von 1904 nicht enthalten (H. R.).
  14. Die abschließenden Ausführungen dieses Kapitels sind 1915 neu entstanden (H. R.). 17 Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte 111/66
  15. Eine wichtige, die politische Entwicklung Duisbergs kennzeichnende Erweiterung des Denkschrift-Textes ist dieser Abschnitt, der den Verfasser als klassenbewußten Monopolisten ausweist (H. R.).
  16. Die folgenden Kapitel „Betriebsvereinigung oder Interessengemeinschaft" und „Fusion", die sich mit möglichen Formen eines Zusammenschlusses der Farbenfabriken beschäftigen, sind 1915 neu eingefügt worden (H. R.).
  17. Die Ausführungen Duisbergs in den Abschnitten „Erhaltung der Individualität und der Idealkonkurrenz", „Die großen Artikel sollten immer in zwei Fabriken gemacht werden", „Austausch der Erfahrungen" sowie „Kalkulationen und technische Buchungen finden in Filialfabriken statt" stellen ebenfalls eine Erweiterung der ursprünglichen Denkschrift aus dem Jahre 1904 dar (H. R.).
  18. Von hier an bis zum Schluß der Denkschrift wurde der Text gegenüber der Fassung von 1904 völlig neu formuliert. Nach Fortlassung einiger ursprünglicher Schlußbemerkungen geht Duisberg stattdessen auf die möglichen Leitungsgremien und die konkreten Übergangslösungen für den von ihm angestrebten späteren IG-Farben-Konzern ein (H. R.).